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Agnes Miegel war zu allen vier großen historischen Epochen ihres Lebens (von der Kaiserzeit bis in die junge Bundesrepublik) eine anerkannte große Dichterin, die für ihre Werke mit namhaften Preisen ausgezeichnet wurde. Zu den besonders erinnernswerten Ehrungen, die ihr zuteil wurden, gehörte der Besuch des regierenden Bürgermeisters von Berlin im Jahre 1961 – also vor jetzt fünfzig Jahren. Sein Name war Willy Brandt – der SPD-Politiker, der bis heute als Lichtgestalt gilt und wegen seiner persönlichen Integrität geschätzt wird.

Als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland legte Willy Brandt am 7. Dezember 1970 vor dem Ehrenmal der Helden des Ghettos in Warschau einen Kranz nieder. Nach dem Richten der Kranzschleife verharrte er nicht wie üblich stehend, sondern kniete einige Zeit schweigend nieder, erhob sich wieder und ging an der Spitze seiner Delegation fort.

Diese Demutsbekundung ist als „Willy Brandts Kniefall“ in die Annalen der Geschichte eingegangen. Sie wurde international als Bitte um Vergebung gewertet und ebnete der Ostpolitik den Weg, für die Willy Brandt 1971 den Friedensnobelpreis erhielt.

Gut 35 Jahre früher sah es um Willy Brandts Befindlichkeiten anders aus: Er hatte – noch unter seinem Geburtsnamen Herbert Frahm – nach Hitlers Machtergreifung emigrieren müssen, zunächst nach Dänemark, dann Norwegen, nachdem die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), der er angehörte, verboten worden war. Auch in Norwegen war er vor nationalsozialistischer Verfolgung nicht sicher, geriet sogar vorübergehend, ohne unter seinem Decknamen Willy Brandt erkannt zu werden, in deutsche Kriegsgefangenschaft. Allein aus diesen wenigen Hinweisen wird deutlich, dass Willy Brandt unter der Nazi-Diktatur erheblich zu leiden hatte. Und nun sollte er, der Verfolgte, ausgerechnet einer vermeintlichen Nazidichterin, Hitler-Anhängerin, einer aus den Reihen der Verfolger, seine Aufwartung machen? Ihm konnte nicht entgangen sein, dass die damalige Presse-Öffentlichkeit Agnes Miegel abwechselnd mit höchster Anerkennung und bitterster Schmähung überschüttete, mit verehrender Liebe und unversöhnlichem Hass. Dennoch war es ihm, dem damals 47-Jährigen, ein warmes Anliegen, der betagten, inzwischen 82-jährigen Dichterin, seine Aufwartung zu machen, ihr die Ehre zu erweisen, ihr Blumen zu überreichen.

1952 hatte Agnes Miegel für den Ostdeutschland-Gedenkturm in Schloss Burg an der Wupper ihr Bekenntnis in Verse gefasst, ”nichts als den Hass zu hassen“. 1959 hatte sie in einem neunzigminütigen Radiogespräch auf die Frage nach den Polen und Russen in ihrer verlorenen Heimat Ostpreußen erklärt, sie könne nur mit guten Gedanken an die Menschen denken, die jetzt auf seinem Erdboden und in seinen ehemaligen Dörfern, Städten und Gütern leben.

Das tiefgefühlte Anliegen der Versöhnung verband Agnes Miegel und Willy Brandt in einem Geiste.

Das Pressefoto von seinem Besuch in Bad Nenndorf wurde auch in späteren Jahren mehrfach von verschiedenen Zeitungen wiederabgedruckt. Wir wissen leider nicht, was bei diesem Besuch gesprochen wurde. Agnes Miegel berichtete ihrer jüngeren Freundin und späteren Biographin Dr. Anni Piorreck, wie der regierende Bürgermeister von Berlin Brandt am 1. Juni mit einem großen gelben Rosenstrauß zu ihr kam: „Er war sehr sympathisch und stockheiser und müde, aber sehr schlicht und nett, in aller Kürze.“

Dass es aber diese Begegnung gegeben hat, erscheint gerade heutzutage in einem helleren Licht, da etliche Städte den Straßennamen Agnes Miegels abschaffen wollen und eine „politisch korrekte“ Presse-Öffentlichkeit Agnes Miegel als Nazidichterin beschimpft und völlig aus der differenzierten Lebenswirklichkeit ihrer Zeit herausreißt.

Willy Brandt hatte diese Zeit selbst erlebt und wusste aus erster Hand um die Rolle, die Agnes Miegel unter dem Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit für ihre Leser und Landsleute gespielt hatte. Er ehrte sie aus aufrichtigem Herzen – sicherlich nicht weniger menschlich Anteil nehmend als ein knappes Jahrzehnt später bei seinem Kniefall von Warschau.

Sollten die heutigen Politiker sich nicht auch in dieser Hinsicht ihn zum Vorbild nehmen?

Dr. Marianne Kopp

Die Agnes-Miegel-Gesellschaft e.V. lädt ein

zu einer Feierstunde anlässlich von Agnes Miegels 47. Todestag
am Samstag, dem 29. Oktober 2011 um 15:00 Uhr
im Hotel Hannover,
31542 Bad Nenndorf, Buchenallee 1

Annemete v. Vogel und Dr. Marianne Kopp
lesen Prosa von Agnes Miegel zum Thema

Herbst in Ostpreußen

Das Hotel Hannover bietet die Möglichkeit zum Kaffeetrinken.
Um 14:00 Uhr treffen wir uns zum Gedenken an Agnes Miegels Grab.
Wir freuen uns über einen regen Besuch. Bitte bringen Sie auch Freunde, Verwandte und Bekannte mit.

Eintritt frei   –   Spenden erbeten    –   Gäste willkommen

Info: Agnes-Miegel-Platz 3, 31542 Bad Nenndorf, Tel. 05723 – 917 317

Die Jahresgabe 2011/2012 der Agnes-Miegel-Gesellschaft ist erschienen!

zu beziehen über die Agnes-Miegel-Gesellschaft, Tel. 05723-917 317

Marianne Kopp (Hrsg.), Agnes Miegel. Ihr Leben, Denken und Dichten von der Kaiserzeit bis zur NS-Zeit. Mosaiksteine zu ihrer Persönlichkeit.144 Seiten, Ardey-Verlag Münster 2011, 12,90 €

dazu der Historiker Prof. Dr. Paul Leidinger:

„Die Agnes Miegel vielfach vorgehaltene Nähe zum NS-Staat und ihrem Führer wird in den vorgelegten Aufsätzen auf eine ganz unaufgeregte, subtile und substantielle Weise vorgestellt, im zeitlichen Zusammenhang erklärt und prinzipiell hinsichtlich einer ideologischen Übereinstimmung widerlegt. Der Verlag kann sich mit dem Buch durchaus sehen lassen und wird auch damit Anerkennung finden. Es ehrt den Verlag, für eine deutsche Dichterin gerade in Zeiten der Herausforderung einzutreten.“

Agnes Miegel, die bedeutendste deutsche Balladendichterin des 20. Jahrhunderts, fand während ihrer gesamten Schaffenszeit hohe Anerkennung und wurde in allen geschichtlichen Epochen ihres 85-jährigen Lebens von der Kaiserzeit bis zur Nachkriegszeit mit namhaften Literaturpreisen ausgezeichnet.

In heutiger Zeit aber dominieren in der Öffentlichkeit politische Debatten um ihren Namen als Schulpatronin und auf Straßenschildern. Meistens werden dabei wenige Gedichtzeilen und ein oder zwei biografische Daten ganz aus ihrem Zusammenhang gerissen und als Anklagepunkte angeführt.

Der Frage nach Agnes Miegels Verhältnis zur NS-Zeit ging ein Seminar der Agnes-Miegel-Gesellschaft im letzten Herbst nach. Wissenschaftlich sachliche und ergebnisoffene Aufarbeitung und Klärung war das Anliegen der beteiligten Literaturwissenschaftler und Historiker. Fünf der Vortragsmanuskripte liegen nun in erweiterter Form gedruckt vor.

Dr. Bodo Heimann analysierte Agnes Miegels Gedichte, die einen Bezug zur NS-Zeit haben, Dr. Ursula Seibt recherchierte die Hintergründe zur „Silbernen Wartburgrose“, mit der Agnes Miegel 1933 ausgezeichnet wurde, Dirk Herrmann untersuchte Agnes Miegels Gedichte mit jüdischer Thematik, und ich stellte biografische Details aus ihren privaten Freundesbriefen und kulturhistorischen Erinnerungen zusammen.

Einhellig fordern diese Wissenschaftler, Agnes Miegels Leben, Denken und Dichten im konkreten Kontext ihrer Zeit und Situation zu betrachten. Man sollte nicht aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts pauschalieren und verurteilen, ohne sich mit den historischen Verhältnissen und Agnes Miegels Persönlichkeit und Lebenssituation eingehender zu befassen.

Durch diese neuen Forschungsergebnisse entsteht ein differenzierteres Miegelbild – die Vorwürfe entbehren der Substanz.

Agnes Miegels Briefe geben Aufschluss über ihre häufigen und schweren Krankheiten und ihre engen, zeitweise desolaten finanziellen Verhältnisse. Ihr Alltag in ihrer Heimatstadt Königsberg ist schwierig – einerseits liebt sie ihre Heimat mit „körperlichen Nabelschnurgefühlen“, andererseits würde sie lieber woanders leben.

Gegenüber Ruhm blieb Agnes Miegel gleichgültig. Sie war nicht eitel und verabscheute Beweihräucherung. Ihre vielen Lesereisen kreuz und quer durch Deutschland unternahm sie einzig aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Erfreulich war dabei nur das Wiedersehen mit alten Freunden auf ihren Reiserouten, zumal sie für private Reisen kaum Geld hatte.

Ihre nächsten Freunde wohnen inzwischen im „Reich“, d.h. Hunderte von Kilometern von Ostpreußen entfernt. Seit dem Versailler Vertrag und der Einrichtung des „polnischen Korridors“ war das deutsche Kernland nur noch auf dem Seeweg oder in verplombten Zügen mit geschlossenen und verhängten Abteilfenstern zu erreichen – eine besonders belastende Situation für die ostpreußische Bevölkerung.

Agnes Miegel war beunruhigt über die Insellage Ostpreußens. Hitlers „Friedensrede“ von 1933 beeindruckte sie nachhaltig, denn er behauptete, in Frieden und Freundschaft mit den Nachbarvölkern leben zu wollen. Allein die Beseitigung des „Korridors“ 1939 bewog Agnes Miegel, 1940 der Partei beizutreten – nicht ideologische Gründe.

Nirgends in Agnes Miegels offiziellen und privaten Äußerungen ist eine Anbiederung an die NS-Ideologie zu erkennen, nichts deutet auf eine Bejahung oder Unterstützung ihrer Eroberungspolitik oder Rassenwahn hin. Von Kindheit an vertraut mit jüdischen Lebenswelten, pflegte sie einen großen jüdischen Bekannten- und Freundeskreis. Ihre Dichtung berührt und schildert nicht nur Ostpreußen, sondern zahllose verschiedene Kulturen, darunter auch Persönlichkeiten aus dem Alten Testament.

1933 wurde die Dichterin Agnes Miegel mit der Silbernen Wartburgrose ausgezeichnet. Dieser Literaturpreis stand in keinem Zusammenhang mit der NS-Literaturpolitik. Börries von Münchhausen gründete den Wartburg-Dichterkreis mit der romantischen Vorstellung, ein geistiges Olympia auf der Wartburg zu verwirklichen. Mit der Silbernen Wartburgrose, die an die heilige Elisabeth und zugleich an Luther erinnerte, sollten die besten deutschen nationalkonservativen Dichter zu Rosenrittern erhoben werden.

Als die preußische „Sektion für Dichtkunst“ 1933 von den Nationalsozialisten gründlich neu geordnet bzw. „gesäubert“ worden war, wurden eilig neue Mitglieder gebraucht – und diese wurden sämtlich aus dem bisher privaten und unabhängigen Dichterkreis der Wartburg berufen.

Wo Agnes Miegel sich in einigen Gedichten positiv zu Hitler und seiner Politik äußert, geht aus den hymnischen Texten klar hervor, wie gutgläubig sie war. Das gilt auch für das bestellte Gedicht „An den Führer“. Die Ereignisse sieht sie nicht allein unter politischen Vorzeichen, sondern religiös als Handeln Gottes in der Geschichte. Das hängt mit ihrer calvinistischen Glaubensvorstellung zusammen. Folgerichtig vertritt Agnes Miegel später die Auffassung, dass sie die tragische Katastrophe mit ihrem Gott abmachen müsse, der anscheinend sie und ihr Volk in die Irre und dann in den Abgrund führte.

Das Entnazifizierungsverfahren entschied: „Frau Dr. h.c. Miegel ist entlastet. (Kategorie V)“ und erläutert, sie kann „nicht als Unterstützerin der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft angesehen werden, da sowohl Motive wie Handlungen niemals NS-Geist verraten haben. Das wird von allen Zeugen bestätigt und ist zudem allgemein bekannt.“ In der Tat, auch bei intensivem Hinsehen sind in Agnes Miegels Werk nirgends NS-Geist und Unterstützung von Gewaltherrschaft zu finden, nur Vaterlandsliebe, Gutgläubigkeit und Gottvertrauen. Mit ihrem Bekenntnis, „nichts als den Hass zu hassen“, wie Agnes Miegel es nach dem Krieg formuliert, distanzierte sie sich zeitlebens von jeglicher Parteipolitik und propagiert einzig die Maximen der Menschlichkeit.

Dr. Marianne Kopp

Bericht von den Agnes-Miegel-Tagen 11.-12. März 2011

In diesem Jahr durften die Besucher der Agnes-Miegel-Tage einmal die unbekannte, von Italien und den Italienreisen beeinflusste Seite Agnes Miegels kennenlernen. Denn unter dem italienischen Motto standen die meisten Beiträge. Bereits zur Eröffnung der Veranstaltung kam die Dichterin selber zu Wort: Dr. Marianne Kopp und Annemete von Vogel lasen zur Einstimmung und Einführung Briefe und Aufzeichnungen, die im Zusammenhang mit der Italienreise von 1911 entstanden waren.

Der Vortrag von Prof. Dr. Paul Leidinger aus Warendorf beschäftigte sich mit der Dichterin in der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion. Er zeigte auf, dass in Agnes Miegels dichterischem Werk gerade keine Verherrlichung der menschenverachtenden nationalsozialistischen Ideologie zu finden ist – weder Fremdenhass noch Rassenwahn, weder Aufforderung zu einem Eroberungskrieg noch die Befürwortung von Gewalt. Damit fehlen die wesentlichen Merkmale der Blut- und Bodenliteratur. Immerhin: „Nichts als den Hass zu hassen“, war ihr Lebensbekenntnis.

Aufgrund von Agnes Miegels Anpassung an das nationalsozialistische Regime, welches die Ostpreußin für sich zu vereinnahmen verstanden hatte, wurden schon in der Vergangenheit Schulen und Straßen mit dem Namen der Dichterin umbenannt. Und diese Diskussion hält bis heute an; während die Befürworter der Umbenennungen argumentieren, dass „eine Person, die im Nationalsozialismus verstrickt war“, grundsätzlich keine Vorbildfunktion ausüben könne, verweist die andere Seite auf das bedeutende literarische Werk, die Unkenntnis der Dichterin um den tatsächlichen Charakter des Nationalsozialismus und ihre vollständige Entlastung beim Entnazifizierungsprozess nach 1945.

Auch im Rahmen des Vortrags kam es zu einer Diskussion. Zwei Bürger von Bad Nenndorf zitierten Passagen aus unter dem Einfluss des Nationalsozialismus entstandenen Gedichten – allerdings leider ohne den Kontext der Gesamtgedichte mit ganz anderem Schlusstenor zu berücksichtigen, was eine fundierte Analyse der Texte verhinderte.

Während die Vorsitzende und der Referent als Wissenschaftler die Auseinandersetzung und Diskussion begrüßten und souverän auf die kritischen Fragen zu antworten vermochten, schienen einige Teilnehmer mit dieser, wohl als persönlichen Angriff auf die Dichterin verstandenen, Kritik überfordert. Jedoch wurden auch sehr sachkundige Beobachtungen über prozessual zweifelhafte Vorgänge in Gemeinden mit Umbenennungsbestrebungen vorgetragen.

Da viele Menschen von der unsachlichen Propaganda gegen Agnes Miegel, wie sie von extremen Gruppierungen verbreitet wird, verunsichert sind, wird der literarisch fundierte Dialog mit Kritikern vermutlich zukünftig noch höhere Priorität einnehmen müssen. Herr Prof. Leidinger wies zum Schluss auch noch einmal darauf hin, wie notwendig es sei, Agnes Miegels wenige belastete Werke literaturwissenschaftlich aufzuarbeiten. Die Agnes-Miegel-Gesellschaft will mit ihrer demnächst erscheinenden Jahresgabe einen wesentlichen Beitrag dazu leisten.

Nach der spannenden Diskussion durften die Teilnehmer dann zum Abschluss der Tagung zwei weniger hitzige, aber umso lohnendere musikalische Veranstaltungen erleben. Im offenen Singen, geleitet von Pastor Adolf Höhle aus Neustadt/Rbge., konnte man schon einmal den Frühling begrüßen. Dem folgte der künstlerische Höhepunkt der Tagung; mit der in Italien verorteten Erzählung „Die Padrona erzählt“ lasen Dr. Marianne Kopp und Annemete von Vogel mit großer Ausdruckskraft eine der erstaunlich wenigen Dichtungen Agnes Miegels mit eindeutig italienischem Bezug. Inge Henke, die begleitend dazu mit ihrer ausdrucksvollen Sopranstimme Arien des italienischen Barock sang, wurde begleitet von typischen Instrumenten der Epoche (Violine, Violoncello, Cembalo) und schuf so für die Dichtung einen Rahmen, der den Erzählraum farbenprächtig zur Geltung brachte.

Das neue zeitliche Konzept, die Veranstaltung mit gleichem inhaltlichem Aufbau auf zwei (statt wie bisher auf drei) Tage zu komprimieren, hat sich als pragmatisch sinnvoll erwiesen. Es bleibt zu wünschen, dass auch im nächsten Jahr wieder ein so vielfältiges Programm gelingen möge.

Sebastian Harms Bolte M.A.

von Ursula Schmidt-Goertz, Bergisch Gladbach
in: BLZ vom 22.12.2010

Immer wieder versuchen linke Scharfmacher mit Kampagnen den Ruf von Persönlichkeiten früherer Generationen zu zerstören, die nicht in ihr eigenes Weltbild passen. Und immer wieder lassen sich demokratische Bürger in diesen schmutzigen Strom hineinziehen.
Ach, hätten sie doch alle im Fach Geschichte besser aufgepasst! Nur wer gegen den Strom schwimmt, kommt zu den Quellen. Agnes Miegel war Königsbergerin. Wie wir wissen, war Ostpreußen durch den Versailler Vertrag 1919 vom Deutschen Reich abgetrennt worden. Nur in hermetisch verschlossenen Zügen konnte man durch den so genannten „Korridor“ von Deutschland nach Deutschland gelangen. Ist es da ein Wunder, dass die Menschen in der fernen Enklave, umschlossen von nicht gerade freundlichen Nachbarn, besonders an ihrem Vaterland – so durfte man es damals noch nennen – hingen? Es ist diffam, solche Wünsche mit Attributen wie „glühende Nationalsozialistin“ anzuprangern.
Sind Leute, die politische Wühlarbeit betreiben – und das anonym – bessere Menschen? Die in keiner Bedrängnis leben und jederzeit gefahrlos Kluges, Dummes oder gar Böses von sich geben und lancieren können? Agnes Miegel ist mit Tausenden ihrer Landsleute aus der sehr geliebten Heimat vertrieben worden und hat lange in einem dänischen Flüchtlingslager gelitten. Agnes Miegel war keine „Heimatdichterin“. Ihr Balladen sind Weltliteratur, sogar von Marcel Reich-Ranicki gerühmt. Und „Uneinsichtigkeit“? Ich bin gern bereit, dem Stadtrat eine „Lesestunde“ zu schenken, die ich schließen würde mit dem Gedicht, das sie geschrieben hat zur Einweihung der Ostdeutschen Gedenkstätte auf Schloss Burg an der Wupper, schon 1950 durch Bundespräsident Dr. Theodor Heuss: „Du hast in Krieg und Schrecken mich wunderbar bewahrt / Gabst Kraft dem müden Herzen auf später Wanderfahrt / Gabst Zuflucht im vertrauten, im herben Wind vom Meer / Führtest zu deutschem Lande mich gnädig wieder her / Gabst Dach und Brot, gabst Treue, die niemals mich verlassen / Lehrtest mich täglich neue / Nichts als den Hass zu hassen!“
Noch eins: In Königsberg gibt es einen Zweig der deutschen Agnes-Miegel-Gesellschaft, einer anerkannten und von gebildeten Persönlichkeiten aus aller Welt geförderten literarischen Gesellschaft. Russen und Deutsche pflegen einen Umgang auf hohem Niveau. Im heutigen Kaliningrad werden Werke von Agnes Miegel in russischer Übersetzung publiziert. Und schon 1992 habe ich in Königsberg eine russische Ausstellung über Agnes Miegel besucht (als eine Westdeutsche, deren Familie nie Verbindungen in den Osten gehabt hat).
Wollen sich – anscheinend uninformierte – Bürger in Bergisch Gladbach vor Pharisäertum ducken? Bitte nicht!

Die Agnes-Miegel-Gesellschaft e.V. lädt ein zu den

Agnes-Miegel-Tagen 2011

im Hotel Hannover, Buchenallee 1, 31542 Bad Nenndorf

Freitag, 11. März 2011

16:00 Uhr:     „Italien ist für mich eine ganz neue, wundervolle Welt gewesen“.  Agnes Miegels erste Italienreise 1911

Lesung mit Annemete v. Vogel und Dr. Marianne Kopp

im Anschluss besteht bis 18:30 Uhr die Möglichkeit, das Agnes-Miegel-Haus zu besuchen

19:00 Uhr:     „Der alte Mensch und seine Freunde“. Zwei Gespräche mit Agnes Miegel, 1959 und 1952

Samstag, 12. März 2011

10:00 Uhr:     Mitgliederversammlung (Einlass ab 9:30 Uhr)

14:30 Uhr:     Gedenken an Agnes Miegels Grab

15:30 Uhr:     „Agnes Miegel und jüngere Diskussionen um die Dichterin“. Vortrag von Prof. Dr. Paul Leidinger (Warendorf), mit anschließender Diskussion

16:30 Uhr     „Komm doch, lieber Frühling…!“  Offenes Singen mit Pastor Adolf Höhle (Neustadt/Rbge.)

19:30 Uhr:      LESUNG: Agnes Miegel: „Die Padrona erzählt“

mit  MUSIK von Scarlatti, Steffani, Händel u.a. — Arien des italienischen Barock

Ausführende:

Sopran: Inge Henke

Violine: Vera Hähndel

Violoncello: Dr. Christof Schulz-Wistokat

Cembalo: Barbara von Witzleben

Continuocello: Annemete v. Vogel

Sprecherinnen: Annemete v. Vogel und Dr. Marianne Kopp

Änderungen vorbehalten

E i n t r i t t   f r e i – S p e n d e n   e r b e t e n – G ä s t e   w i l l k o m m e n

Bei den zur Zeit wieder einmal grassierenden Umbenennungs-Bestrebungen von Straßen, die nach der bedeutenden deutschen Dichterin Agnes Miegel aus Königsberg benannt sind, liest man wiederholt in Zeitungs- und Internetartikeln die Behauptung, Agnes Miegel sei nicht nur in der NS-Zeit als Aushängeschild des Regimes benutzt worden, sondern habe noch nach 1945 „die extreme Rechte gestärkt“. Als „Beweis“ wird da immer wieder angeführt, sie hätte „Exklusivbeiträge“ für die Zeitschrift ‚Nation Europa’ verfasst.

Ich wollte die Wahrheit wissen und fragte schon vor einigen Jahren bei vielen Stellen nach, was sie denn in diesen Exklusivartikeln geschrieben habe und in welchen Heften das stünde. Niemand konnte mir eine Antwort geben – nicht einmal die derzeitigen Redakteure der Zeitschrift ‚Nation Europa’. Allerdings stieß ich auf eine Internetseite, auf der die Zeitschrift sich vorstellte, um neue Leser anzuwerben: Da brüstete sich „Nation Europa“ damit, sie hätten auch Exklusivartikel von Agnes Miegel – aber Genaueres war da nicht zu erfahren.

Schließlich habe ich in der Staatsbibliothek München alle Hefte der Zeitschrift auf Beiträge von Agnes Miegel durchsucht, von der Gründung der Zeitschrift 1951 bis zu Agnes Miegels Tod im Oktober 1964. Gefunden habe ich nur wenige Gedicht-Nachdrucke aus längst publizierten Gedichtbänden, wo die Redaktion ordnungsgemäß dem Verlag für die Abdruckgenehmigung dieser Gedichte dankte. Es ist also höchst unwahrscheinlich, dass Agnes Miegel selbst Kontakt mit diesem Heft hatte!

Im Jahrgang 1953 sind Agnes Miegels Flüchtlingsgedichte „Herbst 1945″ und „Sand“ nachgedruckt, im Jahrgang 1954 ihr „Kinderlied“, 1959 das Gedicht „Urheimat“ und ihr „Bekenntnis“, 1963 schließlich „Abschied von Königsberg“. Wer bezeichnet so etwas als Exklusivartikel?

Und wie geht „Nation Europa“ mit Agnes Miegel um? 1959 findet sich ein Hinweis auf den 80. Geburtstag der Dichterin, aber 1964 keine Erwähnung ihres Todes, kein Nachruf, kein ehrendes Wort, nichts.

Es mag verständlich sein, wenn ein Blatt eine Kleinigkeit, die es zu bieten hat, zu Werbezwecken aufbauscht zu einer großen Sache. Weit weniger verständlich ist es, wenn die Kritiker Agnes Miegels dieses Windei unbesehen übernehmen und endlos kolportieren. Nicht einmal promovierte Historiker, die in manchen Städten als Gutachter bestellt werden, kamen auf die Idee, das alte Gerücht nachzuprüfen. Man glaubt gern, was man glauben möchte – aber um die Wahrheit müsste man sich schon etwas eingehender bemühen.

Für seine Rezeption kann man wohl keinen Dichter oder Prominenten verantwortlich machen. Als Literaturwissenschaftlerin, die sich inzwischen seit über zwanzig Jahren intensiv mit Agnes Miegels Leben und Werk befasst und viele ihrer unveröffentlichten Briefe studiert hat, weiß ich, dass sie für Rechtsextremismus ebenso wenig übrig hatte wie für Linksextremismus, und dass sie sich mit ihrem Bekenntnis zu einer umfassenden Menschlichkeit und „nichts als den Hass zu hassen“ vehement und konsequent von jeglicher Parteipolitik distanzierte.

Dr. phil. Marianne Kopp

Wikipedia und Agnes Miegel

Wie ein Internet-Lexikon das Ansehen bedeutender Persönlichkeiten ins Zwielicht rückt.

Viele Straßen in deutschen Städten und Gemeinden wurden in den vergangenen Jahrzehnten nach der bedeutenden ostpreußischen Dichterin Agnes Miegel benannt. Seit einiger Zeit aber gibt es mancherorts Bestrebungen, diese Straßen wegen eines angeblich verwerflichen Verhaltens der Dichterin in der NS-Zeit umzubenennen. Wie ist das zu erklären? Wer im Internet über Agnes Miegel und die NS-Diktatur recherchiert, der stößt – neben der sehr ausgewogenen und fundierten Darstellung auf den Seiten der Agnes-Miegel-Gesellschaft in Bad Nenndorf (www.agnes-miegel-gesellschaft.de) – immer sogleich auf den Eintrag in dem Mitmach-Lexikon „Wikipedia“. Daneben gibt es andere Internet-Seiten, welche entweder die Aussagen in Wikipedia weitgehend kopieren oder ihre Herkunft vom linken Rand des Meinungsspektrums nicht verleugnen (Antifa-Gruppen, Gruppierungen, die der SED- und PDS-Nachfolgepartei „Die Linke“ nahestehen).
Wikipedia aber wird ernst genommen, ist für viele zum alltäglichen Mittel der Informationsbeschaffung geworden. Dabei muss sich jeder vergegenwärtigen, dass an dem Lexikon Wikipedia jeder Laie mitwirken kann. Eine Kontrolle dieser Beiträge in Gestalt einer qualifizierten Fachredaktion gibt es nicht. Stattdessen gilt das Prinzip: Die Schreiber kontrollieren sich gegenseitig. Dass dieses oft nur unzureichend funktioniert, erklärt die sehr unterschiedliche Qualität der Beiträge in diesem Lexikon.
In einem eigenen Abschnitt unter dem Titel „Verhältnis zum Nationalsozialismus“ wird Agnes Miegel im Wikipedia-Beitrag gleich zu Beginn als „bekennende Verehrerin Adolf Hitlers“ bezeichnet. Man beruft sich dabei auf ein paar lange bekannte Gedichte, die Agnes Miegel  u. a. für das Reichspropagandaministerium  geschrieben hatte. Welche Konsequenzen die Verweigerung  solcher Gefälligkeiten in der NS-Diktatur haben konnte, braucht hier wohl nicht näher erläutert zu werden. Trotzdem gelingt es Agnes Miegel, sich Freiräume zu verschaffen. So sagt sie in dem Gedicht ‘Dem Schirmer des Volkes’ aus dem Jahre 1939, das natürlich auch die von Goebbels erwarteten Elogen an Hitler enthält, nichts weniger als den nahenden Weltenbrand und Untergang voraus:
Wenn aus deinem First die Flammen steigen
wird des weißen Mannes Welt entbrennen
wenn sich deine Sonnenfahnen neigen
sinkt die Nacht über das Abendland!

Ein Jahr später, also noch vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, prophezeit Agnes Miegel in einem Sammelband des Diederichs-Verlages auch den bevorstehenden Verlust ihrer Heimat Ostpreußen:

„Und so sage ich jetzt, wo der Abschied näher kommt zu dem Land zwischen Weichsel und Memel, wie der Samurai zu der edlen Braut, der er sich vor dem Schrein seiner Ahnen verlobt: ich vermähle mich dir für die nächsten vier Inkarnationen.“ (1)

Propaganda für den „Größten Feldherrn aller Zeiten“ sieht anders aus.

Daneben verwechselt Wikipedia fast durchgängig das aktive Verhalten Agnes Miegels in der NS-Zeit mit dem Verhalten der NS-Führung Agnes Miegel gegenüber. So heißt es bei Wikipedia, Agnes Miegel sei 1933 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste geworden und habe dann das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichnet.
Richtig ist stattdessen, dass sie vom NS-Staat in die gleichgeschaltete Sektion der Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste berufen wurde. Damit war zwangsläufig auch ein Treueid auf Hitler verbunden. (2)
Vorgeworfen wird Agnes Miegel auch im weiteren Verlauf des Textes das Verhalten anderer. So habe sie 1940 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt erhalten und sei 1944 in die „Gottbegnadetenliste“ der sechs wichtigsten deutschen Schriftsteller aufgenommen worden – übrigens zusammen mit Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Offensichtlich soll sich hier der Künstler dafür rechtfertigen, dass er von Institutionen einen Preis verliehen bekommt. Das ist schon ein wenig verrückt.
Hinzuweisen ist schließlich darauf, dass Agnes Miegel schon lange vor der Zeit des Nationalsozialismus bedeutende Literaturpreise und Auszeichnungen verliehen wurden (1916: Kleist-Preis, 1924: Ehrendoktorwürde der Universität Königsberg). (3)

Eine „Hinwendung zu Blut-und-Boden-Themen“, wie von Wikipedia behauptet, gibt es bei Agnes Miegel nicht. Sie ist ein bloßes Klischee. (4) Agnes Miegel hatte ihren Stil, der stets geprägt war durch die Liebe zu ihrer Heimat Ostpreußen, schon lange vor der Machtergreifung der Nazis entwickelt.

Rassismus, Antisemitismus oder die Herabsetzung politisch Andersdenkender finden sich an keiner Stelle ihres umfangreichen Werkes. (5)

Agnes Miegel wurde übrigens erst 1940 – wie weit unter politischem Druck? – Mitglied der NSDAP. Das spricht wohl eher für eine weitgehend unpolitische Haltung der Dichterin. (6)

Innerhalb ihrer freundschaftlichen Verbindungen verwendete Agnes Miegel nie den „Deutschen Gruß“. Wenn sie mit „Offiziellen“ ein wenig bekannter war, bestellte sie herzliche Grüße oder Gott ergebenen Gruß – obwohl der „Hitlergruß“ die für alle verpflichtende Grußform in der Zeit der NS-Diktatur war. Es steht fest, dass Agnes Miegel zeitlebens eine gläubige Christin war und auch in den Jahren 1933-45 nie von der Kirche und ihrem Glauben abrückte oder gar Zugeständnisse machte. (7) Auch diese Tatsachen unterschlägt Wikipedia.

Nach 1945 schlug die Stunde der „Wendehälse“, die im Rahmen ihrer Entnazifizierungsverfahren behaupteten, eigentlich immer schon gegen den Nationalsozialismus gewesen zu sein. Agnes Miegel verweigerte sich einer solch verlogenen „Instant-Entnazifizierung“. (8) Als tief religiöser Mensch sagte sie über ihr Wirken in der NS-Zeit: „Dies habe ich mit meinem Gott alleine abzumachen und mit niemand sonst.“ Aus diesem Hinweis auf ihr durch den Glauben bestimmtes Verhalten konstruiert Wikipedia nun (nach der Änderung des Artikels vom 11.11.2010) dreist ein Eingeständnis „ihrer Verstrickung in den Nationalsozialismus“.
Die schließlich 1949 erfolgte Entnazifizierung Agnes Miegels brachte jedoch ein eindeutiges Urteil: Unbelastet. Wörtlich heißt es: Sowohl Motive wie Handlungen haben niemals NS-Geist verraten. (9) Wikipedia hält dieses nicht für mitteilenswert.

Keine Erwähnung findet auch die Tatsache, dass Agnes Miegel während des „Dritten Reiches“ und in der Nachkriegszeit eine freundschaftliche Beziehung zu Anneliese Goerdeler pflegte. Sie war die Ehefrau von Carl Friedrich Goerdeler, eine der zentralen Gestalten des Widerstandes gegen Hitler. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er verhaftet und von den Nazis hingerichtet. (10)

In einem Brief an ihre spätere Biographin Anni Piorreck vom 31.8.1946 äußert Agnes Miegel all ihre Hoffnung auf ein gewandeltes, moralisch handelndes und bescheidenes neues Deutschland: … zum ersten Mal auch faßte ich neuen Lebensmut durch die Gewißheit, daß da für Euch Jüngere und Eure Kinder aus aller Unrast und aller Not dieser Zeit ein neues besseres Deutschland aufwächst, ein kleines armes, aber nicht verarmtes Deutschland, wo jeder Willige seine Arbeit und sein Brot finden wird. (11)
Auch diese eindeutige Abrechnung mit der NS-Ideologie wird von Wikipedia ignoriert.

Als endgültige Rehabilitation Agnes Miegels kann die Verleihung des bedeutenden Literaturpreises der Bayerischen Akademie der Schönen Künste im Jahre 1959 gelten. 1957 hatte Alfred Döblin diesen Preis erhalten.

Bis vor kurzem enthielt der Wikipedia-Artikel zu Agnes Miegel auch keinerlei Hinweis auf die Einschätzung ihrer Werke durch den wohl wichtigsten deutschen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Für ihn gehören mehrere Balladen Agnes Miegels zum Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke – also zu den herausragenden Werken deutscher Literatur. (12)
Agnes Miegel gilt als die größte Dichterin Ostpreußens im 20. Jahrhundert und als die wichtigste deutsche Balladendichterin ihrer Zeit (13) – die Wikipedia hält dieses nicht für mitteilenswert.

Die Lebensmaxime Agnes Miegels manifestiert sich quasi in ihrer Inschrift für den Ostdeutschland-Gedenkturm in Schloß Burg an der Wupper (ca. 1952), die nämlich in dem Bekenntnis und Aufruf mündet, nichts als den Haß zu hassen!
Ein schöneres Plädoyer für Menschlichkeit und Verständigung jenseits von Parteipolitik und Zeitgeist läßt sich wohl kaum denken!

Der Wikipedia-Artikel über Agnes Miegel ist also wertlos*. Dieses wäre für sich genommen nicht weiter schlimm, jedoch lassen sich Millionen Internetnutzer von solchen „Informationen“ leiten. Auch das Bestreben, Straßen die den Namen der Dichterin tragen umzubenennen, ist wohl maßgeblich auf die Medienmacht der Wikipedia zurückzuführen. Selbst die „Stellungnahme zu Agnes Miegel“ (2010) des Historikers Prof. Dr. Horst Matzerath aus Erftstadt ähnelt in weiten Teilen auffällig den die Dichterin ausschließlich belastenden Aussagen in Wikipedia. Die zahlreichen Agnes Miegel entlastenden Fakten, welche bei einem weitergehenden Quellenstudium problemlos zu finden sind (und auch von mir dargelegt wurden), erwähnt Matzerath nicht. So entsteht bei ihm ein völlig einseitiges Bild der Dichterin, das mit der Realität wenig zu tun hat.

Übrigens werden Studenten, die für ihre Ausarbeitungen „Informationen“ aus Wikipedia verwenden, an jeder Universität streng gerügt. Das Lexikon gilt in jeder Hinsicht als unwissenschaftlich.

Der Historiker Prof. Dr. Paul Leidinger, Universität Münster, veröffentlichte am 1.7.2010 eine sehr viel qualitätvollere Stellungnahme zu Agnes Miegel. (14) Sein Beitrag liefert eine Fülle von wenig bekannten Fakten über das Leben der Dichterin und zeigt eindrucksvoll die Beweggründe ihres Verhaltens in der Zeit des Nationalsozialismus.

*Einen weitgehend nachvollziehbaren Artikel über Agnes Miegel bietet zur Zeit das Internet-Lexikon „Pluspedia“: http://www.pluspedia.de/index.php/Agnes_Miegel

Einzelnachweise:

1.     www.nonpop.de: Agnes Miegel – Dichterin Ostpreußens
2.     Prof. Paul Leidinger, Westfälische Nachrichten vom 6.10.2010
3.     Biographie auf der Seite der Agnes-Miegel-Gesellschaft (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/biographie/index.html)
4.     Agnes-Miegel-Gesellschaft – Wir über uns (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/gesellschaft/index.html)
5.     Biographie auf der Seite der Agnes-Miegel-Gesellschaft (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/biographie/index.html)
6.     Prof. Paul Leidinger, Westfälische Nachrichten vom 6.10.2010
7.     Auskunft von Frau Dr. Marianne Kopp, 1. Vorsitzende der Agnes-Miegel-Gesellschaft Bad Nenndorf
8.     Richard Wagner: Die Miegel und ihr Michel in Die Achse des Guten, www.achgut.com
9.     Biographie auf der Seite der Agnes-Miegel-Gesellschaft (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/biographie/index.html)
10.   Agnes-Miegel-Gesellschaft – Wir über uns (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/gesellschaft/index.html)
11.   Agnes Miegel: Brief aus dem Flüchtlingslager Oksböl/Dänemark an Anni Piorreck vom 31.8.1946
12.   Marcel Reich-Ranicki: Der Kanon. Die deutsche Literatur. Gedichte, Insel-Verlag, 2005
13.   Richard Wagner: Die Miegel und ihr Michel in Die Achse des Guten, www.achgut.com

14.    Stellungnahme Prof. Paul Leidingers vom 1.7.2010 zu Berichten in den Westfälischen Nachrichten über Agnes Miegel: Agnes Miegel und Warendorf (http://agnesmiegel.wordpress.com/2010/07/01/agnes-miegel-und-warendorf/)

Detlef Suhr, Agnes-Miegel-Str. 42, Edewecht-Friedrichsfehn, 22.11.2010

In der Stadt Warendorf, der Agnes Miegel in ihrem letzten Lebensabschnitt
seit 1949 besonders verbunden war und in der seit 1959 zunächst jährlich die
von dem dortigen Tatenhausener Kreis gestiftete „Agnes-Miegel-Plakette“ für
Verdienste um das Werk Agnes Miegels und die Ost-Westdeutsche Begegnung
verliehen wurde, sah sich ein Redakteur der dort erscheinenden
„Westfälischen Nachrichten“ veranlasst, in einem Zeitungsartikel am
26.06.2010 wieder einmal Agnes Miegels Einstellung zum NS-Staat und speziell
zu Hitler zu thematisieren und die Bevölkerung der Stadt zu einer Abstimmung
darüber aufzurufen, die dort zur Ehre der ostdeutschen Dichterin 1989
benannte „Agnes-Miegel-Straße“ wegen ihrer NS-Vergangenheit umzubenennen.
Einer der nachfolgenden Leserbriefe von einem Herrn K.A. am 29.06.2010 sah es als
„Skandal und Zumutung für die Einwohner“ an, „dass es in Warendorf immer
noch eine Agnes-Miegel-Straße gibt“. Er schimpft die ostpreußische Dichterin
„eine unbelehrbare Hitler-Bewunderin“ und „geistige Mätresse des Führers“
und schlägt zugleich die Umbenennung der Straße nach dem Namen des in
Dresden 1902 geborenen, 1933 nach USA emigrierten und 1993 in Tübingen
verstorbenen  deutsch-jüdischen Schriftstellers und Übersetzers Hans Sahl
vor, der zu Warendorf in keiner Beziehung stand.
Auf die Berichte in den Westfälischen Nachrichten antwortete der seit 1962
in Warendorf ansässige und seitdem ehrenamtlich dort in der Heimat- und
Kulturpflege von Stadt und Kreis Warendorf tätige und an der Universität
Münster seit 1978 als Historiker lehrende Prof. Dr. Paul Leidinger am 1.
Juli 2010 mit der nachfolgenden Stellungnahme, die wir hier wiedergeben.

Agnes Miegel und Warendorf
Die am 9. März 1879 in Königsberg/Ostpreußen geborene und am 26.10.1964 in Bad Salzuflen im 85. Lebensjahr verstorbene Agnes Miegel war beim Regierungsantritt Hitlers und seiner NS-Partei 1933 bereits 54 Jahre alt und als Dichterin und Schriftstellerin deutschlandweit und auch international anerkannt. Sie war als Krankenschwester und Erzieherin, die u.a. 1902/03 in England weilte, ausgebildet und hat sich ohne akademisches Studium in ihrem selbstgewählten schweren schriftstellerischen Beruf durchgesetzt. 1916 wurde sie mit dem Kleistpreis und 1924 von der Universität Königsberg mit der Ehrendoktorwürde geehrt. Die NS-Partei umwarb 1933 die erfolgreiche und anerkannte Dichterin, die keine Anhängerin der Ideologie dieser Partei war, sondern einen jüdischen Bekanntenkreis u.a. mit Martin Buber hatte. Die heimatverbundenen und an sich unpolitischen Themen ihrer Dichtung wurden von der NS-Ideologie  und ihren Organisationen vereinnahmt und führten 1933 zu ihrer Berufung durch den NS-Staat in die gleichgeschaltete Sektion der Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, mit der zwangsläufig auch ein Treueid auf Hitler verbunden war. Für ihre weitgehend unpolitische Einstellung spricht, dass sie erst 1937 der NS-Frauenschaft und 1940 der NSDAP – wie weit unter politischem Druck? – beitrat, also keineswegs als fast 60-Jährige zu den ideologischen und politischen Scharfmachern des NS-Systems gehörte. Allerdings blieb sie bis in die letzte Kriegszeit, die ihre Heimat durch den Vormarsch der Russen erfasste, deutsch-national gesinnt. Mit fast 66 Jahren gelang ihr am 27. Februar 1945 noch aus dem eingeschlossenen Königsberg auf dem Seeweg die Flucht nach Swinemünde, wo sie einem vernichtenden US-Luftangriff nur mit Glück entging, und dann weiter nach Dänemark, wo sie in Flüchtlingslagern bei Esbjerg mit 40.000 anderen Schicksalsgenossen interniert wurde. Später fand sie in Niedersachsen als Flüchtling Aufnahme, wo Bad Nenndorf zu ihrer letzten Heimat wurde und heute im Agnes-Miegel-Haus ihr Archiv und Museum sowie der Sitz der „Agnes-Miegel-Gesellschaft“ untergebracht ist.
Warendorf  knüpfte 1949 durch Vermittlung von Oberstudienrat Solf, der als Flüchtling aus Ottmachau/Schlesien in der Emsstadt Aufnahme fand und sich sehr um die Förderung der Kultur hier verdient gemacht hat, durch eine erste Autorenlesung direkte Kontakte mit Agnes Miegel, die sich fortan vertieften und 1950 – anlässlich des 750-jährigen Stadtjubiläums Warendorfs -  zu einem Essay der Dichterin an die durch den Krieg unzerstörte Emsstadt führten. Es wurde die Grundlage zu der am 26.07.1952 der Stadt gewidmeten „Hymne an Warendorf“, die der damals in Warendorf weilende Komponist Kuno Stierlin vertonte. Die feierliche Uraufführung erfolgte 1955 im damaligen Bürgerschützenhof unter großer Anteilnahme der Bürgerschaft (die umfangreiche Originalhandschrift der seitdem nicht wieder aufgeführten Komposition befindet sich heute im Stadtarchiv Warendorf).
Ost- und Westdeutsche Heimatfreunde in Warendorf und Umgebung, die sich 1972 im sog. „Tatenhausener Kreis“ zu einer landeskundlich orientierten Gesellschaft zusammenschlossen und die Begegnung zwischen Heimatvertriebenen und ihrer ostdeutschen Heimat und einheimischen Westdeutschen und ihrer Heimat fördern wollten, stifteten 1958 mit Einverständnis der Dichterin eine „Agnes-Miegel-Plakette“ für Verdienste um die Ost-Westdeutsche-Begegnung. Die Plakette wurde 46 mal verliehen, zuletzt am 22.10.1993 an Bundesminister a.D. Dr. Heinrich Windelen für seine Verdienste um die Integration der Vertriebenen in Deutschland wie um die Verständigung zwischen Deutschland und Polen. Die ersten Verleihungen und die letzte fanden im historischen Rathaus der Stadt Warendorf statt.
Der Name Agnes Miegels ist nach 1945 in vielfältiger Weise mit der Stadt Warendorf verbunden. Am Rathaus der Stadt am Markt ist ein Spruch von ihr in Bronze gegossen angebracht: „Von der Heimat gehen, ist die schwerste Last, die Götter und Menschen beugt.“ Der Tatenhausener Kreis übergab die von ihm und den Vertriebenen gestiftete und aus Resten alter Breslauer Glocken gegossene Bronzetafel am Tag der Heimat 1955 in einer festlichen Veranstaltung der Stadt Warendorf. Der Spruch ist einer bereits 1928 entstandenen visionären Ballade Agnes Miegels „Die Fähre“ entnommen.

Wer sich kritisch mit Leben und Werk Agnes Miegels beschäftigt, muss dies umfassend tun, um ihr gerecht zu werden. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Warendorfs Bürger dabei zu einer gerechten Würdigung der ostpreußischen Dichterin und auch ihres besonderen Verhältnisses zu Warendorf kommen.

Prof. Dr. Paul Leidinger, Warendorf

Zur Einstimmung auf die diesjährige literarische Tagung im Hotel Hannover in Bad Nenndorf kam gleich die Dichterin selbst zu Wort. In einer Auswahl wenig bekannter autobiographischer Erzählungen über die eigene Jugendzeit, plastisch rezitiert von Annemete von Vogel und Dr. Marianne Kopp, erhielten die Zuhörer einen Einblick in die Bedeutung, die frühe Erlebnisse für Agnes Miegel bis ins hohe Alter hatten. Aus der Verbindung dieses Vortrages mit den von Dr. Kopp beigesteuerten Erläuterungen zum biographischen und literarischen Kontext, konnten die Zuhörer sich ein Bild von Agnes Miegels Gefühls- und Lebenswelt, sowohl während der Entstehungszeit der Schriften als auch während der liebevoll erinnerten Perioden, machen.

Als Gäste berichteten, zu der Verortung der Erinnerungen passend, zwei aus Königsberg/Kaliningrad angereiste Mitglieder der dortigen Agnes-Miegel-Gruppe, Frau Alina Abrakonowa und Herr Viktor Rjabinin von Veränderungen und Veranstaltungen in der Geburtsstadt der Dichterin.

Den wissenschaftlichen Vortrag mit dem Titel „Agnes Miegel: Erlebtes Radio – Der Ostmarkenfunk in Königsberg, ein Mittler und Förderer ostpreußischer Literatur“ übernahm in diesem Jahr Dr. Ulrich Heitger aus Hamm. Die Erkenntnis, wie sehr sich unser heutiger, von Massenmedien geprägter Alltag von der Zeit unterscheidet, in welcher das Radio gerade erst begann, in den Großstädten Einzug zu halten, machte wieder einmal die unbedingte Notwendigkeit der Erforschung eines historischen Kontextes zum Verständnis der in ihm entstandenen Literatur deutlich. Die tiefgehende und detaillierte Nachzeichnung dieser frühen Jahre des Radios verschaffte wertvolle Erkenntnisse über eine zwar eigentlich noch gar nicht so lange zurückliegende, uns jedoch bereits sehr fremd gewordene Zeit. Agnes Miegel selber stand dem damals neuen Medium zuerst ablehnend, später jedoch aufgeschlossener gegenüber – die Atmosphäre des Studios empfand sie bei den eigenen ersten Erfahrungen als Sprecherin als unangenehm. Später jedoch hörte sie zufällig bei einem Krankenhausaufenthalt eine Ansprache ihres Verlegers und Freundes Eugen Diederichs, bevor er krankheitsbedingt die Stimme verlor, zum letzten Mal über das Radio; und dieser Zufall versöhnte die Dichterin dann endgültig mit der vorher als unpersönlich wahrgenommenen Technik.

Als künstlerischen Höhepunkt der Veranstaltung präsentierten Annemete von Vogel als Rezitatorin und die Tanzgruppe Movimento unter der Leitung von Inge Henke eine besondere Verbindung von Dichtung und Tanz: Balladen mit höfischer Thematik von Agnes Miegel im Wechsel mit Tänzen der Renaissance. Dabei verstanden es die Tänzer in ihren historischen Kostümen, durch ihre Darbietung eine Atmosphäre zu schaffen, in der die eindrucksvolle Vortragskunst der Sprecherin Agnes Miegels Balladen dem Zuhörer so unmittelbar wie irgend möglich nahezubringen vermochte.

Besonders die Vielfalt des Programms ist zu loben: eine so gelungene Verbindung von dichterischer Lesung, künstlerischer Darbietung und wissenschaftlicher Auseinandersetzung ist bei Tagungen dieser Art selten anzutreffen. Gerade der diesjährige Vortrag macht die Notwendigkeit zahlreicherer Beiträge dieser Art deutlich – leider wird die literaturgeschichtliche Bedeutung Agnes Miegels von weiten Teilen der Wissenschaft noch immer gerne ignoriert, sodass die Bereitschaft zur fundierten Beschäftigung mit ihrem Werk selten anzutreffen ist. Umso freudiger wurde die offizielle Ankündigung der Veranstaltung der Agnes-Miegel-Gesellschaft im Oktober aufgenommen: dort nämlich sollen über drei Tage verteilt Vorträge zu unterschiedlichen mit der Dichterin in Zusammenhang stehenden Themen gehalten werden – man darf gespannt sein!

Sebastian Harms Bolte M. A.

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