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Archive for November 2010

Wie ein Internet-Lexikon das Ansehen bedeutender Persönlichkeiten ins Zwielicht rückt.

Viele Straßen in deutschen Städten und Gemeinden wurden in den vergangenen Jahrzehnten nach der bedeutenden ostpreußischen Dichterin Agnes Miegel benannt. Seit einiger Zeit aber gibt es mancherorts Bestrebungen, diese Straßen wegen eines angeblich verwerflichen Verhaltens der Dichterin in der NS-Zeit umzubenennen. Wie ist das zu erklären? Wer im Internet über Agnes Miegel und die NS-Diktatur recherchiert, der stößt – neben der sehr ausgewogenen und fundierten Darstellung auf den Seiten der Agnes-Miegel-Gesellschaft in Bad Nenndorf (www.agnes-miegel-gesellschaft.de) – immer sogleich auf den Eintrag in dem Mitmach-Lexikon „Wikipedia“. Daneben gibt es andere Internet-Seiten, welche entweder die Aussagen in Wikipedia weitgehend kopieren oder ihre Herkunft vom linken Rand des Meinungsspektrums nicht verleugnen (Antifa-Gruppen, Gruppierungen, die der SED- und PDS-Nachfolgepartei „Die Linke“ nahestehen).
Wikipedia aber wird ernst genommen, ist für viele zum alltäglichen Mittel der Informationsbeschaffung geworden. Dabei muss sich jeder vergegenwärtigen, dass an dem Lexikon Wikipedia jeder Laie mitwirken kann. Eine Kontrolle dieser Beiträge in Gestalt einer qualifizierten Fachredaktion gibt es nicht. Stattdessen gilt das Prinzip: Die Schreiber kontrollieren sich gegenseitig. Dass dieses oft nur unzureichend funktioniert, erklärt die sehr unterschiedliche Qualität der Beiträge in diesem Lexikon.
In einem eigenen Abschnitt unter dem Titel „Verhältnis zum Nationalsozialismus“ wird Agnes Miegel im Wikipedia-Beitrag gleich zu Beginn als „bekennende Verehrerin Adolf Hitlers“ bezeichnet. Man beruft sich dabei auf ein paar lange bekannte Gedichte, die Agnes Miegel  u. a. für das Reichspropagandaministerium  geschrieben hatte. Welche Konsequenzen die Verweigerung  solcher Gefälligkeiten in der NS-Diktatur haben konnte, braucht hier wohl nicht näher erläutert zu werden. Trotzdem gelingt es Agnes Miegel, sich Freiräume zu verschaffen. So sagt sie in dem Gedicht ‚Dem Schirmer des Volkes‘ aus dem Jahre 1939, das natürlich auch die von Goebbels erwarteten Elogen an Hitler enthält, nichts weniger als den nahenden Weltenbrand und Untergang voraus:
Wenn aus deinem First die Flammen steigen
wird des weißen Mannes Welt entbrennen
wenn sich deine Sonnenfahnen neigen
sinkt die Nacht über das Abendland!

Ein Jahr später, also noch vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, prophezeit Agnes Miegel in einem Sammelband des Diederichs-Verlages auch den bevorstehenden Verlust ihrer Heimat Ostpreußen:

„Und so sage ich jetzt, wo der Abschied näher kommt zu dem Land zwischen Weichsel und Memel, wie der Samurai zu der edlen Braut, der er sich vor dem Schrein seiner Ahnen verlobt: ich vermähle mich dir für die nächsten vier Inkarnationen.“ (1)

Propaganda für den „Größten Feldherrn aller Zeiten“ sieht anders aus.

Daneben verwechselt Wikipedia fast durchgängig das aktive Verhalten Agnes Miegels in der NS-Zeit mit dem Verhalten der NS-Führung Agnes Miegel gegenüber. So heißt es bei Wikipedia, Agnes Miegel sei 1933 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste geworden und habe dann das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichnet.
Richtig ist stattdessen, dass sie vom NS-Staat in die gleichgeschaltete Sektion der Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste berufen wurde. Damit war zwangsläufig auch ein Treueid auf Hitler verbunden. (2)
Vorgeworfen wird Agnes Miegel auch im weiteren Verlauf des Textes das Verhalten anderer. So habe sie 1940 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt erhalten und sei 1944 in die „Gottbegnadetenliste“ der sechs wichtigsten deutschen Schriftsteller aufgenommen worden – übrigens zusammen mit Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Offensichtlich soll sich hier der Künstler dafür rechtfertigen, dass er von Institutionen einen Preis verliehen bekommt. Das ist schon ein wenig verrückt.
Hinzuweisen ist schließlich darauf, dass Agnes Miegel schon lange vor der Zeit des Nationalsozialismus bedeutende Literaturpreise und Auszeichnungen verliehen wurden (1916: Kleist-Preis, 1924: Ehrendoktorwürde der Universität Königsberg). (3)

Eine „Hinwendung zu Blut-und-Boden-Themen“, wie von Wikipedia behauptet, gibt es bei Agnes Miegel nicht. Sie ist ein bloßes Klischee. (4) Agnes Miegel hatte ihren Stil, der stets geprägt war durch die Liebe zu ihrer Heimat Ostpreußen, schon lange vor der Machtergreifung der Nazis entwickelt.

Rassismus, Antisemitismus oder die Herabsetzung politisch Andersdenkender finden sich an keiner Stelle ihres umfangreichen Werkes. (5)

Agnes Miegel wurde übrigens erst 1940 – wie weit unter politischem Druck? – Mitglied der NSDAP. Das spricht wohl eher für eine weitgehend unpolitische Haltung der Dichterin. (6)

Innerhalb ihrer freundschaftlichen Verbindungen verwendete Agnes Miegel nie den „Deutschen Gruß“. Wenn sie mit „Offiziellen“ ein wenig bekannter war, bestellte sie herzliche Grüße oder Gott ergebenen Gruß – obwohl der „Hitlergruß“ die für alle verpflichtende Grußform in der Zeit der NS-Diktatur war. Es steht fest, dass Agnes Miegel zeitlebens eine gläubige Christin war und auch in den Jahren 1933-45 nie von der Kirche und ihrem Glauben abrückte oder gar Zugeständnisse machte. (7) Auch diese Tatsachen unterschlägt Wikipedia.

Nach 1945 schlug die Stunde der „Wendehälse“, die im Rahmen ihrer Entnazifizierungsverfahren behaupteten, eigentlich immer schon gegen den Nationalsozialismus gewesen zu sein. Agnes Miegel verweigerte sich einer solch verlogenen „Instant-Entnazifizierung“. (8) Als tief religiöser Mensch sagte sie über ihr Wirken in der NS-Zeit: „Dies habe ich mit meinem Gott alleine abzumachen und mit niemand sonst.“ Aus diesem Hinweis auf ihr durch den Glauben bestimmtes Verhalten konstruiert Wikipedia nun (nach der Änderung des Artikels vom 11.11.2010) dreist ein Eingeständnis „ihrer Verstrickung in den Nationalsozialismus“.
Die schließlich 1949 erfolgte Entnazifizierung Agnes Miegels brachte jedoch ein eindeutiges Urteil: Unbelastet. Wörtlich heißt es: Sowohl Motive wie Handlungen haben niemals NS-Geist verraten. (9) Wikipedia hält dieses nicht für mitteilenswert.

Keine Erwähnung findet auch die Tatsache, dass Agnes Miegel während des „Dritten Reiches“ und in der Nachkriegszeit eine freundschaftliche Beziehung zu Anneliese Goerdeler pflegte. Sie war die Ehefrau von Carl Friedrich Goerdeler, eine der zentralen Gestalten des Widerstandes gegen Hitler. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er verhaftet und von den Nazis hingerichtet. (10)

In einem Brief an ihre spätere Biographin Anni Piorreck vom 31.8.1946 äußert Agnes Miegel all ihre Hoffnung auf ein gewandeltes, moralisch handelndes und bescheidenes neues Deutschland: … zum ersten Mal auch faßte ich neuen Lebensmut durch die Gewißheit, daß da für Euch Jüngere und Eure Kinder aus aller Unrast und aller Not dieser Zeit ein neues besseres Deutschland aufwächst, ein kleines armes, aber nicht verarmtes Deutschland, wo jeder Willige seine Arbeit und sein Brot finden wird. (11)
Auch diese eindeutige Abrechnung mit der NS-Ideologie wird von Wikipedia ignoriert.

Als endgültige Rehabilitation Agnes Miegels kann die Verleihung des bedeutenden Literaturpreises der Bayerischen Akademie der Schönen Künste im Jahre 1959 gelten. 1957 hatte Alfred Döblin diesen Preis erhalten.

Bis vor kurzem enthielt der Wikipedia-Artikel zu Agnes Miegel auch keinerlei Hinweis auf die Einschätzung ihrer Werke durch den wohl wichtigsten deutschen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Für ihn gehören mehrere Balladen Agnes Miegels zum Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke – also zu den herausragenden Werken deutscher Literatur. (12)
Agnes Miegel gilt als die größte Dichterin Ostpreußens im 20. Jahrhundert und als die wichtigste deutsche Balladendichterin ihrer Zeit (13) – die Wikipedia hält dieses nicht für mitteilenswert.

Die Lebensmaxime Agnes Miegels manifestiert sich quasi in ihrer Inschrift für den Ostdeutschland-Gedenkturm in Schloß Burg an der Wupper (ca. 1952), die nämlich in dem Bekenntnis und Aufruf mündet, nichts als den Haß zu hassen!
Ein schöneres Plädoyer für Menschlichkeit und Verständigung jenseits von Parteipolitik und Zeitgeist läßt sich wohl kaum denken!

Der Wikipedia-Artikel über Agnes Miegel ist also wertlos*. Dieses wäre für sich genommen nicht weiter schlimm, jedoch lassen sich Millionen Internetnutzer von solchen „Informationen“ leiten. Auch das Bestreben, Straßen die den Namen der Dichterin tragen umzubenennen, ist wohl maßgeblich auf die Medienmacht der Wikipedia zurückzuführen. Selbst die „Stellungnahme zu Agnes Miegel“ (2010) des Historikers Prof. Dr. Horst Matzerath aus Erftstadt ähnelt in weiten Teilen auffällig den die Dichterin ausschließlich belastenden Aussagen in Wikipedia. Die zahlreichen Agnes Miegel entlastenden Fakten, welche bei einem weitergehenden Quellenstudium problemlos zu finden sind (und auch von mir dargelegt wurden), erwähnt Matzerath nicht. So entsteht bei ihm ein völlig einseitiges Bild der Dichterin, das mit der Realität wenig zu tun hat.

Übrigens werden Studenten, die für ihre Ausarbeitungen „Informationen“ aus Wikipedia verwenden, an jeder Universität streng gerügt. Das Lexikon gilt in jeder Hinsicht als unwissenschaftlich.

Der Historiker Prof. Dr. Paul Leidinger, Universität Münster, veröffentlichte am 1.7.2010 eine sehr viel qualitätvollere Stellungnahme zu Agnes Miegel. (14) Sein Beitrag liefert eine Fülle von wenig bekannten Fakten über das Leben der Dichterin und zeigt eindrucksvoll die Beweggründe ihres Verhaltens in der Zeit des Nationalsozialismus.

*Einen weitgehend nachvollziehbaren Artikel über Agnes Miegel bietet zur Zeit das Internet-Lexikon „Pluspedia“: http://www.pluspedia.de/index.php/Agnes_Miegel

Einzelnachweise:

1.     http://www.nonpop.de: Agnes Miegel – Dichterin Ostpreußens
2.     Prof. Paul Leidinger, Westfälische Nachrichten vom 6.10.2010
3.     Biographie auf der Seite der Agnes-Miegel-Gesellschaft (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/biographie/index.html)
4.     Agnes-Miegel-Gesellschaft – Wir über uns (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/gesellschaft/index.html)
5.     Biographie auf der Seite der Agnes-Miegel-Gesellschaft (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/biographie/index.html)
6.     Prof. Paul Leidinger, Westfälische Nachrichten vom 6.10.2010
7.     Auskunft von Frau Dr. Marianne Kopp, 1. Vorsitzende der Agnes-Miegel-Gesellschaft Bad Nenndorf
8.     Richard Wagner: Die Miegel und ihr Michel in Die Achse des Guten, http://www.achgut.com
9.     Biographie auf der Seite der Agnes-Miegel-Gesellschaft (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/biographie/index.html)
10.   Agnes-Miegel-Gesellschaft – Wir über uns (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/gesellschaft/index.html)
11.   Agnes Miegel: Brief aus dem Flüchtlingslager Oksböl/Dänemark an Anni Piorreck vom 31.8.1946
12.   Marcel Reich-Ranicki: Der Kanon. Die deutsche Literatur. Gedichte, Insel-Verlag, 2005
13.   Richard Wagner: Die Miegel und ihr Michel in Die Achse des Guten, http://www.achgut.com

14.    Stellungnahme Prof. Paul Leidingers vom 1.7.2010 zu Berichten in den Westfälischen Nachrichten über Agnes Miegel: Agnes Miegel und Warendorf (https://agnesmiegel.wordpress.com/2010/07/01/agnes-miegel-und-warendorf/)

Detlef Suhr, Agnes-Miegel-Str. 42, Edewecht-Friedrichsfehn, 22.11.2010

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