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Archive for Dezember 2010

Bei den zur Zeit wieder einmal grassierenden Umbenennungs-Bestrebungen von Straßen, die nach der bedeutenden deutschen Dichterin Agnes Miegel aus Königsberg benannt sind, liest man wiederholt in Zeitungs- und Internetartikeln die Behauptung, Agnes Miegel sei nicht nur in der NS-Zeit als Aushängeschild des Regimes benutzt worden, sondern habe noch nach 1945 „die extreme Rechte gestärkt“. Als „Beweis“ wird da immer wieder angeführt, sie hätte „Exklusivbeiträge“ für die Zeitschrift ‚Nation Europa‘ verfasst.

Ich wollte die Wahrheit wissen und fragte schon vor einigen Jahren bei vielen Stellen nach, was sie denn in diesen Exklusivartikeln geschrieben habe und in welchen Heften das stünde. Niemand konnte mir eine Antwort geben – nicht einmal die derzeitigen Redakteure der Zeitschrift ‚Nation Europa‘. Allerdings stieß ich auf eine Internetseite, auf der die Zeitschrift sich vorstellte, um neue Leser anzuwerben: Da brüstete sich „Nation Europa“ damit, sie hätten auch Exklusivartikel von Agnes Miegel – aber Genaueres war da nicht zu erfahren.

Schließlich habe ich in der Staatsbibliothek München alle Hefte der Zeitschrift auf Beiträge von Agnes Miegel durchsucht, von der Gründung der Zeitschrift 1951 bis zu Agnes Miegels Tod im Oktober 1964. Gefunden habe ich nur wenige Gedicht-Nachdrucke aus längst publizierten Gedichtbänden, wo die Redaktion ordnungsgemäß dem Verlag für die Abdruckgenehmigung dieser Gedichte dankte. Es ist also höchst unwahrscheinlich, dass Agnes Miegel selbst Kontakt mit diesem Heft hatte!

Im Jahrgang 1953 sind Agnes Miegels Flüchtlingsgedichte „Herbst 1945″ und „Sand“ nachgedruckt, im Jahrgang 1954 ihr „Kinderlied“, 1959 das Gedicht „Urheimat“ und ihr „Bekenntnis“, 1963 schließlich „Abschied von Königsberg“. Wer bezeichnet so etwas als Exklusivartikel?

Und wie geht „Nation Europa“ mit Agnes Miegel um? 1959 findet sich ein Hinweis auf den 80. Geburtstag der Dichterin, aber 1964 keine Erwähnung ihres Todes, kein Nachruf, kein ehrendes Wort, nichts.

Es mag verständlich sein, wenn ein Blatt eine Kleinigkeit, die es zu bieten hat, zu Werbezwecken aufbauscht zu einer großen Sache. Weit weniger verständlich ist es, wenn die Kritiker Agnes Miegels dieses Windei unbesehen übernehmen und endlos kolportieren. Nicht einmal promovierte Historiker, die in manchen Städten als Gutachter bestellt werden, kamen auf die Idee, das alte Gerücht nachzuprüfen. Man glaubt gern, was man glauben möchte – aber um die Wahrheit müsste man sich schon etwas eingehender bemühen.

Für seine Rezeption kann man wohl keinen Dichter oder Prominenten verantwortlich machen. Als Literaturwissenschaftlerin, die sich inzwischen seit über zwanzig Jahren intensiv mit Agnes Miegels Leben und Werk befasst und viele ihrer unveröffentlichten Briefe studiert hat, weiß ich, dass sie für Rechtsextremismus ebenso wenig übrig hatte wie für Linksextremismus, und dass sie sich mit ihrem Bekenntnis zu einer umfassenden Menschlichkeit und „nichts als den Hass zu hassen“ vehement und konsequent von jeglicher Parteipolitik distanzierte.

Dr. phil. Marianne Kopp

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