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Archive for Juli 2011

Die Jahresgabe 2011/2012 der Agnes-Miegel-Gesellschaft ist erschienen!

zu beziehen über die Agnes-Miegel-Gesellschaft, Tel. 05723-917 317

Marianne Kopp (Hrsg.), Agnes Miegel. Ihr Leben, Denken und Dichten von der Kaiserzeit bis zur NS-Zeit. Mosaiksteine zu ihrer Persönlichkeit.144 Seiten, Ardey-Verlag Münster 2011, 12,90 €

dazu der Historiker Prof. Dr. Paul Leidinger:

„Die Agnes Miegel vielfach vorgehaltene Nähe zum NS-Staat und ihrem Führer wird in den vorgelegten Aufsätzen auf eine ganz unaufgeregte, subtile und substantielle Weise vorgestellt, im zeitlichen Zusammenhang erklärt und prinzipiell hinsichtlich einer ideologischen Übereinstimmung widerlegt. Der Verlag kann sich mit dem Buch durchaus sehen lassen und wird auch damit Anerkennung finden. Es ehrt den Verlag, für eine deutsche Dichterin gerade in Zeiten der Herausforderung einzutreten.“

Agnes Miegel, die bedeutendste deutsche Balladendichterin des 20. Jahrhunderts, fand während ihrer gesamten Schaffenszeit hohe Anerkennung und wurde in allen geschichtlichen Epochen ihres 85-jährigen Lebens von der Kaiserzeit bis zur Nachkriegszeit mit namhaften Literaturpreisen ausgezeichnet.

In heutiger Zeit aber dominieren in der Öffentlichkeit politische Debatten um ihren Namen als Schulpatronin und auf Straßenschildern. Meistens werden dabei wenige Gedichtzeilen und ein oder zwei biografische Daten ganz aus ihrem Zusammenhang gerissen und als Anklagepunkte angeführt.

Der Frage nach Agnes Miegels Verhältnis zur NS-Zeit ging ein Seminar der Agnes-Miegel-Gesellschaft im letzten Herbst nach. Wissenschaftlich sachliche und ergebnisoffene Aufarbeitung und Klärung war das Anliegen der beteiligten Literaturwissenschaftler und Historiker. Fünf der Vortragsmanuskripte liegen nun in erweiterter Form gedruckt vor.

Dr. Bodo Heimann analysierte Agnes Miegels Gedichte, die einen Bezug zur NS-Zeit haben, Dr. Ursula Seibt recherchierte die Hintergründe zur „Silbernen Wartburgrose“, mit der Agnes Miegel 1933 ausgezeichnet wurde, Dirk Herrmann untersuchte Agnes Miegels Gedichte mit jüdischer Thematik, und ich stellte biografische Details aus ihren privaten Freundesbriefen und kulturhistorischen Erinnerungen zusammen.

Einhellig fordern diese Wissenschaftler, Agnes Miegels Leben, Denken und Dichten im konkreten Kontext ihrer Zeit und Situation zu betrachten. Man sollte nicht aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts pauschalieren und verurteilen, ohne sich mit den historischen Verhältnissen und Agnes Miegels Persönlichkeit und Lebenssituation eingehender zu befassen.

Durch diese neuen Forschungsergebnisse entsteht ein differenzierteres Miegelbild – die Vorwürfe entbehren der Substanz.

Agnes Miegels Briefe geben Aufschluss über ihre häufigen und schweren Krankheiten und ihre engen, zeitweise desolaten finanziellen Verhältnisse. Ihr Alltag in ihrer Heimatstadt Königsberg ist schwierig – einerseits liebt sie ihre Heimat mit „körperlichen Nabelschnurgefühlen“, andererseits würde sie lieber woanders leben.

Gegenüber Ruhm blieb Agnes Miegel gleichgültig. Sie war nicht eitel und verabscheute Beweihräucherung. Ihre vielen Lesereisen kreuz und quer durch Deutschland unternahm sie einzig aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Erfreulich war dabei nur das Wiedersehen mit alten Freunden auf ihren Reiserouten, zumal sie für private Reisen kaum Geld hatte.

Ihre nächsten Freunde wohnen inzwischen im „Reich“, d.h. Hunderte von Kilometern von Ostpreußen entfernt. Seit dem Versailler Vertrag und der Einrichtung des „polnischen Korridors“ war das deutsche Kernland nur noch auf dem Seeweg oder in verplombten Zügen mit geschlossenen und verhängten Abteilfenstern zu erreichen – eine besonders belastende Situation für die ostpreußische Bevölkerung.

Agnes Miegel war beunruhigt über die Insellage Ostpreußens. Hitlers „Friedensrede“ von 1933 beeindruckte sie nachhaltig, denn er behauptete, in Frieden und Freundschaft mit den Nachbarvölkern leben zu wollen. Allein die Beseitigung des „Korridors“ 1939 bewog Agnes Miegel, 1940 der Partei beizutreten – nicht ideologische Gründe.

Nirgends in Agnes Miegels offiziellen und privaten Äußerungen ist eine Anbiederung an die NS-Ideologie zu erkennen, nichts deutet auf eine Bejahung oder Unterstützung ihrer Eroberungspolitik oder Rassenwahn hin. Von Kindheit an vertraut mit jüdischen Lebenswelten, pflegte sie einen großen jüdischen Bekannten- und Freundeskreis. Ihre Dichtung berührt und schildert nicht nur Ostpreußen, sondern zahllose verschiedene Kulturen, darunter auch Persönlichkeiten aus dem Alten Testament.

1933 wurde die Dichterin Agnes Miegel mit der Silbernen Wartburgrose ausgezeichnet. Dieser Literaturpreis stand in keinem Zusammenhang mit der NS-Literaturpolitik. Börries von Münchhausen gründete den Wartburg-Dichterkreis mit der romantischen Vorstellung, ein geistiges Olympia auf der Wartburg zu verwirklichen. Mit der Silbernen Wartburgrose, die an die heilige Elisabeth und zugleich an Luther erinnerte, sollten die besten deutschen nationalkonservativen Dichter zu Rosenrittern erhoben werden.

Als die preußische „Sektion für Dichtkunst“ 1933 von den Nationalsozialisten gründlich neu geordnet bzw. „gesäubert“ worden war, wurden eilig neue Mitglieder gebraucht – und diese wurden sämtlich aus dem bisher privaten und unabhängigen Dichterkreis der Wartburg berufen.

Wo Agnes Miegel sich in einigen Gedichten positiv zu Hitler und seiner Politik äußert, geht aus den hymnischen Texten klar hervor, wie gutgläubig sie war. Das gilt auch für das bestellte Gedicht „An den Führer“. Die Ereignisse sieht sie nicht allein unter politischen Vorzeichen, sondern religiös als Handeln Gottes in der Geschichte. Das hängt mit ihrer calvinistischen Glaubensvorstellung zusammen. Folgerichtig vertritt Agnes Miegel später die Auffassung, dass sie die tragische Katastrophe mit ihrem Gott abmachen müsse, der anscheinend sie und ihr Volk in die Irre und dann in den Abgrund führte.

Das Entnazifizierungsverfahren entschied: „Frau Dr. h.c. Miegel ist entlastet. (Kategorie V)“ und erläutert, sie kann „nicht als Unterstützerin der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft angesehen werden, da sowohl Motive wie Handlungen niemals NS-Geist verraten haben. Das wird von allen Zeugen bestätigt und ist zudem allgemein bekannt.“ In der Tat, auch bei intensivem Hinsehen sind in Agnes Miegels Werk nirgends NS-Geist und Unterstützung von Gewaltherrschaft zu finden, nur Vaterlandsliebe, Gutgläubigkeit und Gottvertrauen. Mit ihrem Bekenntnis, „nichts als den Hass zu hassen“, wie Agnes Miegel es nach dem Krieg formuliert, distanzierte sie sich zeitlebens von jeglicher Parteipolitik und propagiert einzig die Maximen der Menschlichkeit.

Dr. Marianne Kopp

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