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Archive for the ‘Agnes-Miegel-Kontroverse’ Category

Bei den zur Zeit wieder einmal grassierenden Umbenennungs-Bestrebungen von Straßen, die nach der bedeutenden deutschen Dichterin Agnes Miegel aus Königsberg benannt sind, liest man wiederholt in Zeitungs- und Internetartikeln die Behauptung, Agnes Miegel sei nicht nur in der NS-Zeit als Aushängeschild des Regimes benutzt worden, sondern habe noch nach 1945 „die extreme Rechte gestärkt“. Als „Beweis“ wird da immer wieder angeführt, sie hätte „Exklusivbeiträge“ für die Zeitschrift ‚Nation Europa‘ verfasst.

Ich wollte die Wahrheit wissen und fragte schon vor einigen Jahren bei vielen Stellen nach, was sie denn in diesen Exklusivartikeln geschrieben habe und in welchen Heften das stünde. Niemand konnte mir eine Antwort geben – nicht einmal die derzeitigen Redakteure der Zeitschrift ‚Nation Europa‘. Allerdings stieß ich auf eine Internetseite, auf der die Zeitschrift sich vorstellte, um neue Leser anzuwerben: Da brüstete sich „Nation Europa“ damit, sie hätten auch Exklusivartikel von Agnes Miegel – aber Genaueres war da nicht zu erfahren.

Schließlich habe ich in der Staatsbibliothek München alle Hefte der Zeitschrift auf Beiträge von Agnes Miegel durchsucht, von der Gründung der Zeitschrift 1951 bis zu Agnes Miegels Tod im Oktober 1964. Gefunden habe ich nur wenige Gedicht-Nachdrucke aus längst publizierten Gedichtbänden, wo die Redaktion ordnungsgemäß dem Verlag für die Abdruckgenehmigung dieser Gedichte dankte. Es ist also höchst unwahrscheinlich, dass Agnes Miegel selbst Kontakt mit diesem Heft hatte!

Im Jahrgang 1953 sind Agnes Miegels Flüchtlingsgedichte „Herbst 1945″ und „Sand“ nachgedruckt, im Jahrgang 1954 ihr „Kinderlied“, 1959 das Gedicht „Urheimat“ und ihr „Bekenntnis“, 1963 schließlich „Abschied von Königsberg“. Wer bezeichnet so etwas als Exklusivartikel?

Und wie geht „Nation Europa“ mit Agnes Miegel um? 1959 findet sich ein Hinweis auf den 80. Geburtstag der Dichterin, aber 1964 keine Erwähnung ihres Todes, kein Nachruf, kein ehrendes Wort, nichts.

Es mag verständlich sein, wenn ein Blatt eine Kleinigkeit, die es zu bieten hat, zu Werbezwecken aufbauscht zu einer großen Sache. Weit weniger verständlich ist es, wenn die Kritiker Agnes Miegels dieses Windei unbesehen übernehmen und endlos kolportieren. Nicht einmal promovierte Historiker, die in manchen Städten als Gutachter bestellt werden, kamen auf die Idee, das alte Gerücht nachzuprüfen. Man glaubt gern, was man glauben möchte – aber um die Wahrheit müsste man sich schon etwas eingehender bemühen.

Für seine Rezeption kann man wohl keinen Dichter oder Prominenten verantwortlich machen. Als Literaturwissenschaftlerin, die sich inzwischen seit über zwanzig Jahren intensiv mit Agnes Miegels Leben und Werk befasst und viele ihrer unveröffentlichten Briefe studiert hat, weiß ich, dass sie für Rechtsextremismus ebenso wenig übrig hatte wie für Linksextremismus, und dass sie sich mit ihrem Bekenntnis zu einer umfassenden Menschlichkeit und „nichts als den Hass zu hassen“ vehement und konsequent von jeglicher Parteipolitik distanzierte.

Dr. phil. Marianne Kopp

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Wie ein Internet-Lexikon das Ansehen bedeutender Persönlichkeiten ins Zwielicht rückt.

Viele Straßen in deutschen Städten und Gemeinden wurden in den vergangenen Jahrzehnten nach der bedeutenden ostpreußischen Dichterin Agnes Miegel benannt. Seit einiger Zeit aber gibt es mancherorts Bestrebungen, diese Straßen wegen eines angeblich verwerflichen Verhaltens der Dichterin in der NS-Zeit umzubenennen. Wie ist das zu erklären? Wer im Internet über Agnes Miegel und die NS-Diktatur recherchiert, der stößt – neben der sehr ausgewogenen und fundierten Darstellung auf den Seiten der Agnes-Miegel-Gesellschaft in Bad Nenndorf (www.agnes-miegel-gesellschaft.de) – immer sogleich auf den Eintrag in dem Mitmach-Lexikon „Wikipedia“. Daneben gibt es andere Internet-Seiten, welche entweder die Aussagen in Wikipedia weitgehend kopieren oder ihre Herkunft vom linken Rand des Meinungsspektrums nicht verleugnen (Antifa-Gruppen, Gruppierungen, die der SED- und PDS-Nachfolgepartei „Die Linke“ nahestehen).
Wikipedia aber wird ernst genommen, ist für viele zum alltäglichen Mittel der Informationsbeschaffung geworden. Dabei muss sich jeder vergegenwärtigen, dass an dem Lexikon Wikipedia jeder Laie mitwirken kann. Eine Kontrolle dieser Beiträge in Gestalt einer qualifizierten Fachredaktion gibt es nicht. Stattdessen gilt das Prinzip: Die Schreiber kontrollieren sich gegenseitig. Dass dieses oft nur unzureichend funktioniert, erklärt die sehr unterschiedliche Qualität der Beiträge in diesem Lexikon.
In einem eigenen Abschnitt unter dem Titel „Verhältnis zum Nationalsozialismus“ wird Agnes Miegel im Wikipedia-Beitrag gleich zu Beginn als „bekennende Verehrerin Adolf Hitlers“ bezeichnet. Man beruft sich dabei auf ein paar lange bekannte Gedichte, die Agnes Miegel  u. a. für das Reichspropagandaministerium  geschrieben hatte. Welche Konsequenzen die Verweigerung  solcher Gefälligkeiten in der NS-Diktatur haben konnte, braucht hier wohl nicht näher erläutert zu werden. Trotzdem gelingt es Agnes Miegel, sich Freiräume zu verschaffen. So sagt sie in dem Gedicht ‚Dem Schirmer des Volkes‘ aus dem Jahre 1939, das natürlich auch die von Goebbels erwarteten Elogen an Hitler enthält, nichts weniger als den nahenden Weltenbrand und Untergang voraus:
Wenn aus deinem First die Flammen steigen
wird des weißen Mannes Welt entbrennen
wenn sich deine Sonnenfahnen neigen
sinkt die Nacht über das Abendland!

Ein Jahr später, also noch vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, prophezeit Agnes Miegel in einem Sammelband des Diederichs-Verlages auch den bevorstehenden Verlust ihrer Heimat Ostpreußen:

„Und so sage ich jetzt, wo der Abschied näher kommt zu dem Land zwischen Weichsel und Memel, wie der Samurai zu der edlen Braut, der er sich vor dem Schrein seiner Ahnen verlobt: ich vermähle mich dir für die nächsten vier Inkarnationen.“ (1)

Propaganda für den „Größten Feldherrn aller Zeiten“ sieht anders aus.

Daneben verwechselt Wikipedia fast durchgängig das aktive Verhalten Agnes Miegels in der NS-Zeit mit dem Verhalten der NS-Führung Agnes Miegel gegenüber. So heißt es bei Wikipedia, Agnes Miegel sei 1933 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste geworden und habe dann das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichnet.
Richtig ist stattdessen, dass sie vom NS-Staat in die gleichgeschaltete Sektion der Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste berufen wurde. Damit war zwangsläufig auch ein Treueid auf Hitler verbunden. (2)
Vorgeworfen wird Agnes Miegel auch im weiteren Verlauf des Textes das Verhalten anderer. So habe sie 1940 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt erhalten und sei 1944 in die „Gottbegnadetenliste“ der sechs wichtigsten deutschen Schriftsteller aufgenommen worden – übrigens zusammen mit Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Offensichtlich soll sich hier der Künstler dafür rechtfertigen, dass er von Institutionen einen Preis verliehen bekommt. Das ist schon ein wenig verrückt.
Hinzuweisen ist schließlich darauf, dass Agnes Miegel schon lange vor der Zeit des Nationalsozialismus bedeutende Literaturpreise und Auszeichnungen verliehen wurden (1916: Kleist-Preis, 1924: Ehrendoktorwürde der Universität Königsberg). (3)

Eine „Hinwendung zu Blut-und-Boden-Themen“, wie von Wikipedia behauptet, gibt es bei Agnes Miegel nicht. Sie ist ein bloßes Klischee. (4) Agnes Miegel hatte ihren Stil, der stets geprägt war durch die Liebe zu ihrer Heimat Ostpreußen, schon lange vor der Machtergreifung der Nazis entwickelt.

Rassismus, Antisemitismus oder die Herabsetzung politisch Andersdenkender finden sich an keiner Stelle ihres umfangreichen Werkes. (5)

Agnes Miegel wurde übrigens erst 1940 – wie weit unter politischem Druck? – Mitglied der NSDAP. Das spricht wohl eher für eine weitgehend unpolitische Haltung der Dichterin. (6)

Innerhalb ihrer freundschaftlichen Verbindungen verwendete Agnes Miegel nie den „Deutschen Gruß“. Wenn sie mit „Offiziellen“ ein wenig bekannter war, bestellte sie herzliche Grüße oder Gott ergebenen Gruß – obwohl der „Hitlergruß“ die für alle verpflichtende Grußform in der Zeit der NS-Diktatur war. Es steht fest, dass Agnes Miegel zeitlebens eine gläubige Christin war und auch in den Jahren 1933-45 nie von der Kirche und ihrem Glauben abrückte oder gar Zugeständnisse machte. (7) Auch diese Tatsachen unterschlägt Wikipedia.

Nach 1945 schlug die Stunde der „Wendehälse“, die im Rahmen ihrer Entnazifizierungsverfahren behaupteten, eigentlich immer schon gegen den Nationalsozialismus gewesen zu sein. Agnes Miegel verweigerte sich einer solch verlogenen „Instant-Entnazifizierung“. (8) Als tief religiöser Mensch sagte sie über ihr Wirken in der NS-Zeit: „Dies habe ich mit meinem Gott alleine abzumachen und mit niemand sonst.“ Aus diesem Hinweis auf ihr durch den Glauben bestimmtes Verhalten konstruiert Wikipedia nun (nach der Änderung des Artikels vom 11.11.2010) dreist ein Eingeständnis „ihrer Verstrickung in den Nationalsozialismus“.
Die schließlich 1949 erfolgte Entnazifizierung Agnes Miegels brachte jedoch ein eindeutiges Urteil: Unbelastet. Wörtlich heißt es: Sowohl Motive wie Handlungen haben niemals NS-Geist verraten. (9) Wikipedia hält dieses nicht für mitteilenswert.

Keine Erwähnung findet auch die Tatsache, dass Agnes Miegel während des „Dritten Reiches“ und in der Nachkriegszeit eine freundschaftliche Beziehung zu Anneliese Goerdeler pflegte. Sie war die Ehefrau von Carl Friedrich Goerdeler, eine der zentralen Gestalten des Widerstandes gegen Hitler. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er verhaftet und von den Nazis hingerichtet. (10)

In einem Brief an ihre spätere Biographin Anni Piorreck vom 31.8.1946 äußert Agnes Miegel all ihre Hoffnung auf ein gewandeltes, moralisch handelndes und bescheidenes neues Deutschland: … zum ersten Mal auch faßte ich neuen Lebensmut durch die Gewißheit, daß da für Euch Jüngere und Eure Kinder aus aller Unrast und aller Not dieser Zeit ein neues besseres Deutschland aufwächst, ein kleines armes, aber nicht verarmtes Deutschland, wo jeder Willige seine Arbeit und sein Brot finden wird. (11)
Auch diese eindeutige Abrechnung mit der NS-Ideologie wird von Wikipedia ignoriert.

Als endgültige Rehabilitation Agnes Miegels kann die Verleihung des bedeutenden Literaturpreises der Bayerischen Akademie der Schönen Künste im Jahre 1959 gelten. 1957 hatte Alfred Döblin diesen Preis erhalten.

Bis vor kurzem enthielt der Wikipedia-Artikel zu Agnes Miegel auch keinerlei Hinweis auf die Einschätzung ihrer Werke durch den wohl wichtigsten deutschen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Für ihn gehören mehrere Balladen Agnes Miegels zum Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke – also zu den herausragenden Werken deutscher Literatur. (12)
Agnes Miegel gilt als die größte Dichterin Ostpreußens im 20. Jahrhundert und als die wichtigste deutsche Balladendichterin ihrer Zeit (13) – die Wikipedia hält dieses nicht für mitteilenswert.

Die Lebensmaxime Agnes Miegels manifestiert sich quasi in ihrer Inschrift für den Ostdeutschland-Gedenkturm in Schloß Burg an der Wupper (ca. 1952), die nämlich in dem Bekenntnis und Aufruf mündet, nichts als den Haß zu hassen!
Ein schöneres Plädoyer für Menschlichkeit und Verständigung jenseits von Parteipolitik und Zeitgeist läßt sich wohl kaum denken!

Der Wikipedia-Artikel über Agnes Miegel ist also wertlos*. Dieses wäre für sich genommen nicht weiter schlimm, jedoch lassen sich Millionen Internetnutzer von solchen „Informationen“ leiten. Auch das Bestreben, Straßen die den Namen der Dichterin tragen umzubenennen, ist wohl maßgeblich auf die Medienmacht der Wikipedia zurückzuführen. Selbst die „Stellungnahme zu Agnes Miegel“ (2010) des Historikers Prof. Dr. Horst Matzerath aus Erftstadt ähnelt in weiten Teilen auffällig den die Dichterin ausschließlich belastenden Aussagen in Wikipedia. Die zahlreichen Agnes Miegel entlastenden Fakten, welche bei einem weitergehenden Quellenstudium problemlos zu finden sind (und auch von mir dargelegt wurden), erwähnt Matzerath nicht. So entsteht bei ihm ein völlig einseitiges Bild der Dichterin, das mit der Realität wenig zu tun hat.

Übrigens werden Studenten, die für ihre Ausarbeitungen „Informationen“ aus Wikipedia verwenden, an jeder Universität streng gerügt. Das Lexikon gilt in jeder Hinsicht als unwissenschaftlich.

Der Historiker Prof. Dr. Paul Leidinger, Universität Münster, veröffentlichte am 1.7.2010 eine sehr viel qualitätvollere Stellungnahme zu Agnes Miegel. (14) Sein Beitrag liefert eine Fülle von wenig bekannten Fakten über das Leben der Dichterin und zeigt eindrucksvoll die Beweggründe ihres Verhaltens in der Zeit des Nationalsozialismus.

*Einen weitgehend nachvollziehbaren Artikel über Agnes Miegel bietet zur Zeit das Internet-Lexikon „Pluspedia“: http://www.pluspedia.de/index.php/Agnes_Miegel

Einzelnachweise:

1.     http://www.nonpop.de: Agnes Miegel – Dichterin Ostpreußens
2.     Prof. Paul Leidinger, Westfälische Nachrichten vom 6.10.2010
3.     Biographie auf der Seite der Agnes-Miegel-Gesellschaft (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/biographie/index.html)
4.     Agnes-Miegel-Gesellschaft – Wir über uns (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/gesellschaft/index.html)
5.     Biographie auf der Seite der Agnes-Miegel-Gesellschaft (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/biographie/index.html)
6.     Prof. Paul Leidinger, Westfälische Nachrichten vom 6.10.2010
7.     Auskunft von Frau Dr. Marianne Kopp, 1. Vorsitzende der Agnes-Miegel-Gesellschaft Bad Nenndorf
8.     Richard Wagner: Die Miegel und ihr Michel in Die Achse des Guten, http://www.achgut.com
9.     Biographie auf der Seite der Agnes-Miegel-Gesellschaft (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/biographie/index.html)
10.   Agnes-Miegel-Gesellschaft – Wir über uns (http://www.agnes-miegel-gesellschaft.de/gesellschaft/index.html)
11.   Agnes Miegel: Brief aus dem Flüchtlingslager Oksböl/Dänemark an Anni Piorreck vom 31.8.1946
12.   Marcel Reich-Ranicki: Der Kanon. Die deutsche Literatur. Gedichte, Insel-Verlag, 2005
13.   Richard Wagner: Die Miegel und ihr Michel in Die Achse des Guten, http://www.achgut.com

14.    Stellungnahme Prof. Paul Leidingers vom 1.7.2010 zu Berichten in den Westfälischen Nachrichten über Agnes Miegel: Agnes Miegel und Warendorf (https://agnesmiegel.wordpress.com/2010/07/01/agnes-miegel-und-warendorf/)

Detlef Suhr, Agnes-Miegel-Str. 42, Edewecht-Friedrichsfehn, 22.11.2010

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In der Stadt Warendorf, der Agnes Miegel in ihrem letzten Lebensabschnitt
seit 1949 besonders verbunden war und in der seit 1959 zunächst jährlich die
von dem dortigen Tatenhausener Kreis gestiftete „Agnes-Miegel-Plakette“ für
Verdienste um das Werk Agnes Miegels und die Ost-Westdeutsche Begegnung
verliehen wurde, sah sich ein Redakteur der dort erscheinenden
„Westfälischen Nachrichten“ veranlasst, in einem Zeitungsartikel am
26.06.2010 wieder einmal Agnes Miegels Einstellung zum NS-Staat und speziell
zu Hitler zu thematisieren und die Bevölkerung der Stadt zu einer Abstimmung
darüber aufzurufen, die dort zur Ehre der ostdeutschen Dichterin 1989
benannte „Agnes-Miegel-Straße“ wegen ihrer NS-Vergangenheit umzubenennen.
Einer der nachfolgenden Leserbriefe von einem Herrn K.A. am 29.06.2010 sah es als
„Skandal und Zumutung für die Einwohner“ an, „dass es in Warendorf immer
noch eine Agnes-Miegel-Straße gibt“. Er schimpft die ostpreußische Dichterin
„eine unbelehrbare Hitler-Bewunderin“ und „geistige Mätresse des Führers“
und schlägt zugleich die Umbenennung der Straße nach dem Namen des in
Dresden 1902 geborenen, 1933 nach USA emigrierten und 1993 in Tübingen
verstorbenen  deutsch-jüdischen Schriftstellers und Übersetzers Hans Sahl
vor, der zu Warendorf in keiner Beziehung stand.
Auf die Berichte in den Westfälischen Nachrichten antwortete der seit 1962
in Warendorf ansässige und seitdem ehrenamtlich dort in der Heimat- und
Kulturpflege von Stadt und Kreis Warendorf tätige und an der Universität
Münster seit 1978 als Historiker lehrende Prof. Dr. Paul Leidinger am 1.
Juli 2010 mit der nachfolgenden Stellungnahme, die wir hier wiedergeben.

Agnes Miegel und Warendorf
Die am 9. März 1879 in Königsberg/Ostpreußen geborene und am 26.10.1964 in Bad Salzuflen im 85. Lebensjahr verstorbene Agnes Miegel war beim Regierungsantritt Hitlers und seiner NS-Partei 1933 bereits 54 Jahre alt und als Dichterin und Schriftstellerin deutschlandweit und auch international anerkannt. Sie war als Krankenschwester und Erzieherin, die u.a. 1902/03 in England weilte, ausgebildet und hat sich ohne akademisches Studium in ihrem selbstgewählten schweren schriftstellerischen Beruf durchgesetzt. 1916 wurde sie mit dem Kleistpreis und 1924 von der Universität Königsberg mit der Ehrendoktorwürde geehrt. Die NS-Partei umwarb 1933 die erfolgreiche und anerkannte Dichterin, die keine Anhängerin der Ideologie dieser Partei war, sondern einen jüdischen Bekanntenkreis u.a. mit Martin Buber hatte. Die heimatverbundenen und an sich unpolitischen Themen ihrer Dichtung wurden von der NS-Ideologie  und ihren Organisationen vereinnahmt und führten 1933 zu ihrer Berufung durch den NS-Staat in die gleichgeschaltete Sektion der Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, mit der zwangsläufig auch ein Treueid auf Hitler verbunden war. Für ihre weitgehend unpolitische Einstellung spricht, dass sie erst 1937 der NS-Frauenschaft und 1940 der NSDAP – wie weit unter politischem Druck? – beitrat, also keineswegs als fast 60-Jährige zu den ideologischen und politischen Scharfmachern des NS-Systems gehörte. Allerdings blieb sie bis in die letzte Kriegszeit, die ihre Heimat durch den Vormarsch der Russen erfasste, deutsch-national gesinnt. Mit fast 66 Jahren gelang ihr am 27. Februar 1945 noch aus dem eingeschlossenen Königsberg auf dem Seeweg die Flucht nach Swinemünde, wo sie einem vernichtenden US-Luftangriff nur mit Glück entging, und dann weiter nach Dänemark, wo sie in Flüchtlingslagern bei Esbjerg mit 40.000 anderen Schicksalsgenossen interniert wurde. Später fand sie in Niedersachsen als Flüchtling Aufnahme, wo Bad Nenndorf zu ihrer letzten Heimat wurde und heute im Agnes-Miegel-Haus ihr Archiv und Museum sowie der Sitz der „Agnes-Miegel-Gesellschaft“ untergebracht ist.
Warendorf  knüpfte 1949 durch Vermittlung von Oberstudienrat Solf, der als Flüchtling aus Ottmachau/Schlesien in der Emsstadt Aufnahme fand und sich sehr um die Förderung der Kultur hier verdient gemacht hat, durch eine erste Autorenlesung direkte Kontakte mit Agnes Miegel, die sich fortan vertieften und 1950 – anlässlich des 750-jährigen Stadtjubiläums Warendorfs –  zu einem Essay der Dichterin an die durch den Krieg unzerstörte Emsstadt führten. Es wurde die Grundlage zu der am 26.07.1952 der Stadt gewidmeten „Hymne an Warendorf“, die der damals in Warendorf weilende Komponist Kuno Stierlin vertonte. Die feierliche Uraufführung erfolgte 1955 im damaligen Bürgerschützenhof unter großer Anteilnahme der Bürgerschaft (die umfangreiche Originalhandschrift der seitdem nicht wieder aufgeführten Komposition befindet sich heute im Stadtarchiv Warendorf).
Ost- und Westdeutsche Heimatfreunde in Warendorf und Umgebung, die sich 1972 im sog. „Tatenhausener Kreis“ zu einer landeskundlich orientierten Gesellschaft zusammenschlossen und die Begegnung zwischen Heimatvertriebenen und ihrer ostdeutschen Heimat und einheimischen Westdeutschen und ihrer Heimat fördern wollten, stifteten 1958 mit Einverständnis der Dichterin eine „Agnes-Miegel-Plakette“ für Verdienste um die Ost-Westdeutsche-Begegnung. Die Plakette wurde 46 mal verliehen, zuletzt am 22.10.1993 an Bundesminister a.D. Dr. Heinrich Windelen für seine Verdienste um die Integration der Vertriebenen in Deutschland wie um die Verständigung zwischen Deutschland und Polen. Die ersten Verleihungen und die letzte fanden im historischen Rathaus der Stadt Warendorf statt.
Der Name Agnes Miegels ist nach 1945 in vielfältiger Weise mit der Stadt Warendorf verbunden. Am Rathaus der Stadt am Markt ist ein Spruch von ihr in Bronze gegossen angebracht: „Von der Heimat gehen, ist die schwerste Last, die Götter und Menschen beugt.“ Der Tatenhausener Kreis übergab die von ihm und den Vertriebenen gestiftete und aus Resten alter Breslauer Glocken gegossene Bronzetafel am Tag der Heimat 1955 in einer festlichen Veranstaltung der Stadt Warendorf. Der Spruch ist einer bereits 1928 entstandenen visionären Ballade Agnes Miegels „Die Fähre“ entnommen.

Wer sich kritisch mit Leben und Werk Agnes Miegels beschäftigt, muss dies umfassend tun, um ihr gerecht zu werden. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Warendorfs Bürger dabei zu einer gerechten Würdigung der ostpreußischen Dichterin und auch ihres besonderen Verhältnisses zu Warendorf kommen.

Prof. Dr. Paul Leidinger, Warendorf

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Herr Archimandrit Irenäus Totzke hat vor einigen Jahren einen Agnes-Miegel-Liederzyklus komponiert und schrieb der Vorsitzenden der AMG am 16.04.08 folgenden Brief, den wir gern veröffentlichen dürfen:

„Leider war ich aus Termingründen jetzt zum zweiten Mal daran verhindert, an den A.-M.-Tagen in Nenndorf teilzunehmen. Umso empörter bin ich über das, was ich heute im Sommerbrief lese, nämlich über den Radau, den die sog. „Antifaschisten“ während der diesjährigen A.-M.-Tage veranstaltet bzw. vom Zaun gebrochen haben.
Hierzu kann ich nicht nur als Mitglied der AMG, sondern auch als Musikwissenschaftler folgendes sagen:

In der Musik haben wir ein ähnliches Phänomen wie die AMG zu beklagen: es ist die Person Hans Pfitzners. Obgleich er nach wie vor zu den größten deutschen Komponisten zählt, von vielen über Richard Strauß gestellt, ja von manchen als der bedeutendste Komponist des frühen und mittleren XX. Jhs. betrachtet wird, wird eine kleine Clique von – bezeichnenderweise musikunkundigen – Kritikern nicht müde, ihm seine Sympathien für das 3. Reich zu verübeln und daraus Rückschlüsse auf die Bedeutung seiner Kompositionen zu ziehen.

In Wirklichkeit war Pfitzner aber kein Nazi, sondern ein Deutschnationaler, der unter dem Diktat von Versailles litt, hierüber klagte und – leider oft in ziemlich überzogener Manier – polemisierte und nun glaubte, in Hitler den „Rächer“ zu sehen. Diese Bewunderung hinderte ihn aber nicht, den Nazismus gelegentlich auch zu kritisieren, und vor allem ließ er sich nicht vor den kultur- und rassenpolitischen Karren spannen, was zur Folge hatte, dass sein 70. Geburtstag in der offiziellen Presse totgeschwiegen wurde. Nichtsdestoweniger setzte nach dem berühmt-berüchtigten 68-er Jahr eine Polemik gegen den „Nazikomponisten Pfitzner“ ein, die stellenweise bis heute anhält. Wichtig ist aber nun die Feststellung, dass seit etwa 5 Jahren diese Polemik nachlässt und man Wert und Bedeutung des kompositorischen Oeuvres Pfitzners, das mit der Polemik nicht das Geringste zu tun hatte, wieder erkennt – was die steigenden Zahlen der Aufführungen dokumentieren.

Und wie war/ist es bei Agnes Miegel? Auch sie war deutsch-national, auch sie litt unter Versailles, es kam aber ein Moment hinzu, das man heute gern vergisst und das man unbedingt als „mildernden Umstand“ werten muss: die geographische Abtrennung Ostpreußens von Deutschland! Ich selber komme aus Danzig, das gegen seinen Willen von den Alliierten zur Freien Stadt erklärt worden war, und ich kann mich gut erinnern, welche politische Stimmung dort herrschte. Da Polen dauernd Ansprüche sowohl auf Danzig als auch auf Ostpreußen erhob (nachdem es Westpreußen bereits fast ganz erhalten hatte), stieg die Angst vor einem polnischen Einmarsch – und trieb die Bevölkerung en masse dem sich großdeutsch gebärdenden Nazismus in die Arme.

Sehr richtig haben Sie, verehrte Frau Dr. Kopp, bemerkt, dass die Hitler-Begeisterung von Agnes Miegel rein emotionaler Natur war. Mit Sicherheit hat sie nie „Mein Kampf“ gelesen – aber sie war Deutsche und musste mit Recht befürchten, dass Ostpreußen polnische Provinz wurde. Also glaubte auch sie – eben rein emotional -, in Hitler den Retter sehen zu dürfen.

Da in der Musik nun die Anti-Pfitzner-Polemik abebbt und man sich mehr und mehr wieder seinem künstlerischen Erbe zuwendet, darf ich, der ich sowohl Mitglied der Pfitzner- wie auch der Miegel-Gesellschaft bin, die doch wohl berechtigte Hoffnung ausdrücken, dass die künstlich angefachte Polemik gegen AM ebenfalls nach kurzem in sich zusammenbrechen und dann das literarische Erbe unserer Poetessa prussiana umso leuchtender hervortreten wird.“

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Die Agnes-Miegel-Tage liegen hinter uns – diesmal ein sehr aufregendes Wochenende, da am Samstag der Tagung eine Demonstration stattfand: ein „Bündnis gegen Agnes-Miegel-Verherrlichung“ protestierte gegen alle Wertschätzung der Ehrenbürgerin Bad Nenndorfs und forderte von der Stadt und der Agnes-Miegel-Gesellschaft, mit dem „Agnes-Miegel-Kult“ zu brechen. Natürlich sorgte dies Spektakel in der Presse-Öffentlichkeit für wesentlich mehr Aufsehen als die (recht beachtlichen!) Inhalte unserer Tagung, doch sollten wir uns von den lautstarken Vorwürfen der Kritiker eigentlich nicht angesprochen fühlen.

Sichtlich erregt von allerlei Parolen, die er bei der Kundgebung der Demonstranten gehört hatte, stürzte ein junger Reporter in die Empfangshalle des Tagungshotels, fand mich am Büchertisch und fragte mich ohne Umschweife: „Distanzieren Sie sich nun von Agnes Miegel?“ Eine groteske Situation!

Die Aufgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft sehe ich eher darin, den ganzen Menschen, das ganze Werk anzunehmen, ohne die Augen vor einem Teil davon zu verschließen. Nichts zu verschweigen, aber alles in einen angemessenen Zusammenhang zu stellen, nämlich Person und Werk in der Verflochtenheit mit ihrer Zeit zu sehen.

Uns geht es nicht um eine „Verherrlichung“ oder „Glorifizierung“ Agnes Miegels, auch nicht um ein „Bekenntnis“ zu ihr (wie ich es in anderen literarischen Gesellschaften mit Befremden erlebt habe), sondern einfach darum, ihr und ihrem Werk mit wachem Interesse und vorurteilsfreier Offenheit zu begegnen – ihr vielseitiges dichterisches Schaffen, ihre warmherzige Persönlichkeit und ihre Künstler-Biografie mit allen Facetten und Widersprüchen wahrzunehmen – denn solche Mehrdimensionalität im Spannungsfeld zwischen „lichtem Traum und dunkler Wirklichkeit“ war ihr wie wohl jedem Menschen zu eigen. Zu solch wacher und durchaus nicht unkritischer Wertschätzung passt es auch, die Dichterin eine „Weltbürgerin der Poesie“ zu nennen, wie der Kieler Germanist und Lyriker Dr. Bodo Heimann sie in einem seiner beiden Vorträge betitelte.

Marianne Kopp

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Sie „verhüllte ihr Haupt“…

Eine Woche vor den Agnes-Tagen 2008 und vor der angekündigten Demonstration sorgte das „Bündnis gegen Agnes-Miegel-Verherrlichung“ in Bad Nenndorf für Aufsehen: das Agnes-Miegel-Denkmal im Kurpark wurde verhüllt – in weiße Tücher eingepackt wie Christos Verhüllungskunst etwa den Berliner Reichstag in den 90er Jahren schmückte. Mancher empörte sich darüber, aber man kann diese Aktion auch anders betrachten: Das beliebte Denkmal für Bad Nenndorfs Ehrenbürgerin wurde versteckt, als könnte man die Erinnerung an ihre Person damit abschaffen und ausradieren. Hätte man das Laken über ihren Füßen nur ein wenig angehoben, so wäre der Schriftzug „nichts zu hassen als den Hass“ zum Vorschein gekommen. Sollten diese Worte den Protestlern so verhasst sein? Eine biblische Wendung drängt sich auf: jemand „verhüllt sein Haupt“ in Trauer und Enttäuschung. Hätte in dieser Situation Agnes Miegel dazu nicht allen Grund?
mk

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Politische Randgruppen haben eine lautstarke, aggressive Anti-Miegel-Kampagne losgetreten, in der sie Agnes Miegel als Nazi-Dichterin verurteilen wollen und auf die Umbenennung von Straßen und Schulen drängen, die noch ihren Namen tragen.

Wir wissen, dass Agnes Miegel sich leider für Hitler begeisterte und schließlich sogar der NSDAP beitrat. Wir wissen aber auch, dass ihre Huldigungsgedichte an Hitler rein emotionaler Natur sind und nichts von seiner Ideologie verherrlichen. Es finden sich keine Zeichen für Antisemitismus, Hassparolen, Kriegspropaganda, Terror und Gewalt darin. Bekannt ist Agnes Miegels tiefe Religiosität, die auch während der NS-Zeit ihre Lebenshaltung bestimmte. Wir wissen ebenso, dass Agnes Miegel ihr ganzes Leben lang Toleranz und Menschlichkeit propagierte und sich zu einer umfassenden Humanitas bekannte, so wie sie es in ihrem Spruch für den Ostdeutschland-Gedenkturm in Schloss Burg an der Wupper schrieb: „nichts als den Hass zu hassen“. Dieses Bekenntnis ist umfassender und beeindruckender als ein Bekenntnis zu irgendeiner Ideologie oder Staatsform, so ein Aufruf tut wohl jeder Zeit und Epoche not. Auch der russische Dichter Sem Simkin, der viele Gedichte von Agnes Miegel in russischer Sprache nachgedichtet hat, äußerte gegenüber der Presse, er hätte nichts Faschistisches in ihren Texten gefunden. Bekannt ist außerdem, dass das Entnazifizierungsurteil „unbelastet“ lautete.

Wir in der Agnes-Miegel-Gesellschaft bemühen uns um eine Klärung ihrer Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus. Etliche Mosaiksteine für eine wahrheitsgetreue Sicht auf diese Jahre fehlen aber noch und müssen mühsam gesucht werden. Es darf nicht um ein schablonenhaftes Schwarz-Weiß-Denken gehen. Letztlich ist jedes menschliche Leben ein verschlungenes Labyrinth mit Widersprüchen und Fragezeichen, „die gemach enträtselnd wir begreifen / erst im Lichte Seiner Ewigkeit“.

Vor allem aber sind wir eine literarische Gesellschaft. Uns geht es um die Dichterin Agnes Miegel, um ihr bedeutendes literarisches Werk, um den unbestreitbaren Rang ihrer Dichtung, die sogar Marcel Reich-Ranicki in den „Kanon der deutschen Literatur“ aufgenommen hat.

Im Zusammenhang mit der öffentlichen Kontroverse um Agnes Miegels Namen ließ der Sender Nordwestradio es sich angelegen sein, eine Live-Sendung mit einer Debatte um den Schulnamen in Wilhelmshaven zu produzieren und lud mich als Vorsitzende der Agnes-Miegel-Gesellschaft dazu ein. Als erfreulich ist dabei zu verbuchen, dass es dem Sender darum ging, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Erfreulich war bei der Sendung auch das sehr sachliche Gesprächsklima und der kollegiale Umgang aller Gesprächsteilnehmer miteinander – eben einmal nicht der emotional aufgeladene Streitton, der sonst diese Kontroverse beherrscht.

Marianne Kopp

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